Workshops und Symposien

Hier finden Sie Berichte von Workshops und Symposien, die das Institut für Modernes Japan organisiert hat. Durch Klick auf den Titel erhalten Sie jeweils weitere Informationen.

undefined"Natur und ländlicher Raum im gegenwärtigen Japan"
DoktorandInnen-Workshop, 9.-10.06.2017, Haus der Universität

undefined„Japanische Populärkultur: Neue Potenziale – neue Perspektiven?“
Symposium, 20.05.2016, Haus der Universität

undefined„Asian Gardens in the West“
Symposium, 1. bis 3. Oktober 2015, Schloss Benrath und Haus der Universität Düsseldorf

undefined"Japan-Pop ohne Grenzen"
Symposium, 22. Mai 2015, Haus der Universität Düsseldorf

undefinedSymposium zu Familienpolitik in Japan und Deutschland
Symposium, 9. - 10. Januar 2015, Haus der Universität Düsseldorf 

undefined„Neue Rituale, suchende Geister – Religiöse Trends in Japan und japanische Religionen in Düsseldorf“
Studentische Tagung, 12. Juli 2014, Haus der Universität Düsseldorf

undefined„Lived Traditionalism – Japanese Traditions Beyond Invention“
Symposium, 29.–30. November 2013, Haus der Universität Düsseldorf

undefined„Alter(n) im Blick. Feldforschung in Japan und Deutschland”
Workshop, Bachelor Plus, 12. Juli 2013, HHU

undefined„Die japanische Populärkultur und Gender”
Panel, 30. August 2012, 15. Deutschsprachiger Japanologentag Zürich

undefined„Japans Zivilgesellschaft nach Fukushima”
Workshop, Bachelor Plus, 28. Juli 2012, Vortragsraum der ULB, HHU

undefined„Medienberichterstattung zur Katastrophe in Japan”
Studentisches Symposium, 4. Februar 2012, HHU

undefined„Familie, Jugend, Alter – Tendenzen und Perspektiven in Japan und Deutschland im Zeitalter der Globalisierung”
Workshop, 1.–2. Juli 2011, HHU

undefined„Jenseits von Murakami – Die ‚andere‘ japanische Literatur der Gegenwart”
Symposium, 17. Juni 2011, Goethe-Museum Düsseldorf

undefined„Feldforschung in Japan: Berichte aus der Praxis”
Workshop, Bachelor Plus, 11. Juni 2011, Hörsaal 2B, HHU

undefined„Japanische Populärkultur als Hybrid”
Studentisches Symposium, 21. Mai 2011, Hörsaal 3B, HHU

undefined„Vom Japonismus zur Japanimation”
Symposium, 20. Mai 2011, Goethe-Museum Düsseldorf

undefinedLeben, Sterben und Menschenwürde
Deutsch-Japanischer Workshop, 3. bis 5. März 2011, Schloß Mickeln (Düsseldorf)

undefined„Gender und japanische Populärkultur”
17. Gender-Workshop, 25.-26. November 2010, Frankfurt am Main

undefined„Zwischen Transkulturalität und Japanizität – Repräsentationen kultureller Differenzen und Diversität in der gegenwärtigen japanischen Populärkultur”
Workshop, 18. Juni 2010, Heinrich-Heine-Saal

undefined„Zur gesellschaftlichen Relevanz des unternehmerischen Handelns. Unternehmensethik in Japan und Deutschland”
Workshop, 11. bis 13. März 2010, Schloss Mickeln

undefined„Japan-Pop-Workshop”
 29. Januar 2010, Großer Saal der ULB Düsseldorf 

undefined„Angewandte Ethik in Deutschland unter der Perspektive des Kulturvergleichs“
Workshop, 18. bis 20. März 2009 HHU Düsseldorf

 

 

"Natur und ländlicher Raum im gegenwärtigen Japan"

Hafen von Saki, Ama, Präfektur Shimane. Foto: Ludgera Lewerich

DoktorandInnen-Workshop, 9.-10.06.2017, Haus der Universität

Walfang, Literatur aus Tohoku, das Satoyama-Konzept oder der Fuji in der zeitgenössischen Kunst - so vielfältig waren die Themen, die am 9. und 10.06. im Rahmen des von Ludgera Lewerich, Timo Themen, Theresa Sieland und Jutta Teuwsen am Institut für Modernes Japan organisierten DoktorandInnen-Workshops im Haus der Universität vorgestellt wurden. Forschende unseres Institutes und der Japanologien in Berlin, Zürich und Wien präsentierten ihre Dissertationsprojekte rund um Natur und den ländlichen Raum. Aus unterschiedlichen Perspektiven wurde beleuchtet, woher bestimmte Natur- und Landschaftskonzepte stammen und wie bzw. wofür sie in Politik, Tourismus und Kunst verwendet werden.

Im ersten Panel "Bilder des Ländlichen in Tourismus und Binnenmigration" beschäftigen sich Michiko Uike-Bormann, Theresa Sieland und Ludgera Lewerich mit der Vermarktung des ländlichen Raumes im Tourismus bzw. in der Binnenmigration. Michiko Uike-Bormann sprach über die Inszenierung von europäischer Natur und ländlicher Idylle in Themenparks. Theresa Sieland trug über die Rolle der touristischen Vermarktung in der Etablierung einer "authentisch japanischen" Landschaft vor.  Den Abschluss bildete Ludgera Lewerich, die die Narrativen von Stadt-Land-Migranten und die Werbung für einen Ausstieg aus dem urbanen Leben erforscht. Dabei wurde als übergreifendes Thema der drei Vorträge die Dichotomie zwischen Stadt und Land deutlich. Ging es einmal um europäische und zweimal um japanische Natur, so blieben die Projizierungen aber gleich: idealisierte und affektive Bilder japanischer furusato-Kulturlandschaften oder europäischer Ländlichkeit versprechen Städtern eine romantische und nostalgische Zuflucht. Der ländliche Raum wird als Gegenentwurf zu der Enge und Hektik der Großstadt inszeniert.

Das zweite Panel setze sich mit "Natur und ländlicher Raum in Medien, Kunst und Literatur" auseinander. Andreas Riessland (Gastforscher aus unserer Partneruniversität Nanzan) stellte anhand von Autowerbung für den Toyota Crown anschaulich dar, wie hier furusato-Idealisierungen und Natur als Projektionsfläche urbaner Sehnsüchte zur Vermarktung des Konsumobjekts Auto genutzt wurden und werden. Jutta Teuwsen und Tamara Kamerer (Universität Wien) konnten in ihren Vorträgen aufzeigen, dass es aber durchaus auch eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Naturkonzepten und einen Widerstand gegen die Idealisierung des ländlichen Raumes gibt. In der Literatur aus der Präfektur Iwate, die Tamara Kamerer untersucht, wird die Natur meist als unheimlicher und teilweise auch als antagonistischer Raum gegenüber den Menschen dargestellt. Die AutorInnen schreiben außrdem oft ebenso schonungslos über den Alltag in den von Überalterung und Strukturschwache bedrohten ländlichen Gebieten. Jutta Teuwsen erforscht Moderne Kunst und stellt fest ähnliche Tendenzen fest. Gegenwärtige Darstellungen etwa brechen und entfremden vermehrt die Überhöhung des Fuji als nationales Symbol.

Am Samstag ging es dann um "Natur und Nation: Revitalisierungsstrategien für die Fischerei". Den Anfang bildete der Vortrag von Timo Thelen, der deutlich machte, dass das als genuin japanisch konzipierte Umweltkonzept satoyama satoumi hauptsächlich der außenpolitischen Darstellung Japans als "green softpower" dient, bei Akteuren vor Ort wie etwa bei den Austernfischern der Nanao-Bucht aber weitgehend ohne Auswirkungen bleibt. Fynn Holm (Universität Zürich) zeigte in seinem Vortrag auf, wie der Walfang in Tohoku - obwohl dort erst seit etwa 100 Jahren betrieben und mit nur rund 20 Angestellten vor 2011 eine marginale Branche - zum wichtigen Ort genuin japanischer Walfangkultur und zum Schlüssel für den Wiederaufbau Tohokus erklärt wurde. Den Abschluss bildete Susanne Auerbach (FU Berlin), die ihr Projekt zu Japans Küstenfischerei vorstellte. Viele Fischereigemeinden sind von Strukturproblemen bedroht und sollen durch neue Entwicklungen in der Fischerpolitik revitalisiert werden. Dabei geht es auch um das Spannungsfeld zwischen (Aus)nutzen und Erhalt maritimer Ressourcen. Alle drei Vorträge beschäftigten sich mit unterschiedlichen Revitalisierungsstrategien und machten deutlich, dass besonders die Fischerei über rein wirtschaftliche Aspekte hinaus mit politischen Bestrebungen und Konstruktionen von Japanizität verbunden ist.

Den Abschluss an beiden Tagen bildete eine gemeinsame Diskussion der Themen. Dabei wurde deutlich, dass Bilder des ländlichen Raumes weiterhin meist eng mit japanischen nationalen Selbstkonzepten verbunden sind, wenn etwa von satoyama als besonderem, "ursprünglich japanischen Umweltkonzept" oder einem "besonderen Verhältnis der Japaner zur Natur" die Rede ist. Der ländliche Raum wird zudem weiterhin oft idealisiert und im Sinne von furusato als nostalgisch behafteter oft einer authentischen japanischen Vergangenheit inszeniert. Diese Konzepte dienen oft politischen und wirtschaftlichen Zwecken, wie in vielen die Vorträge deutlich wurde. Potential zur Subversion dieser Narrative scheinen dabei hauptsächlich Kunst und Literatur zu bieten.

Das durch den Workshop entstandene Netzwerk soll in Zukunft noch ausgebaut werden und es sind weitere Treffen in einem regelmäßigen Abstand angedacht. Aufbauend auf den Ergebnissen ist außerdem eine Publikation der Beiträge geplant.

Unser Dank gilt der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Heinrich-Heine-Universität e.V. für die großzügige Unterstützung.

„Japanische Populärkultur: Neue Potenziale – neue Perspektiven?“

Symposium, 20.05.2016, Haus der Universität

Das Symposium beschäftigte sich mit der Frage, welches Potenzial die japanischen Populärkultur in Deutschland hat und welche neuen Perspektiven sich aus ihrem anhaltenden Boom eröffnen. Gleichzeitig mit dem Symposium wurde das gerade neu erschienene Buch undefined„Japanische Populärkultur und Gender“, herausgegeben von Michiko Mae, Elisabeth Scherer und Katharina Hülsmann, vorgestellt. Am Schluss der Veranstaltung wurden die wissenschaftlichen Vorträge durch eine Podiumsdiskussion zwischen Expert/innen, die in verschiedenen Bereichen der japanischen Populärkultur tätig sind, in die Praxis erweitert.

Nach den Grußworten des japanischen Generalkonsuls Ryûta Mizuuchi und der Prorektorin der HHU, Prof. Andrea von Hülsen-Esch, stellte Michiko Mae zunächst das Buch „Japanische Populärkultur und Gender“ und die einzelnen Beiträge daraus vor. Es enthält nicht nur Artikel zu Manga und Anime, sondern auch zu terebi dorama (japanischen Fernsehserien), kreativer Fan-Praxis (wie dôjinshi und Fanfiction) und Gender-Spielen (Cosplay und TRPG).

Im ersten Vortrag behandelte Michiko Mae (Universität Düsseldorf) das Thema der Gender-Grenzüberschreitungen im shôjo-Manga (Manga für Mädchen). Sie arbeitete den Typus „Mädchen in männlicher Repräsentation“ auf der Grundlage verschiedener Beispiele des Genres heraus. „Der Ritter mit der Schleife“ (Ribon no kishi, Tezuka Osamu, 1953–1956), „Die Rosen von Versailles“ (Berusaiyu no bara, Ikeda Riyoko, 1972–1973) und „Revolutionary Girl Utena“ (Shôjo kakumei Utena, Saitô Chiho, 1996–1997) zeigen Protagonistinnen, die durch „doing gender“ frei von genderbedingten Einschränkungen ihre eigene Identität gestalten und sich damit selbst ermächtigen, grenzüberschreitend ihr ganzes menschliches Potenzial zu entfalten. Gleichzeitig werden in dem experimentierfreudigen shôjo-Genre fernab von den konventionellen Genderverhältnissen Möglichkeiten für neue zwischenmenschliche Beziehungen aufgezeigt.

Der folgende Vortrag von Kenji-T. Nishino (Universität Bonn) beschäftigte sich mit der Frage des Gender-Bending im shônen-Manga (Manga für Jungen) und bildete ein interessantes Gegenstück zu Maes Ausführungen. Anhand der Beispiele „Naruto“ (Kishimoto Masashi, 1999–2014), „One Piece“ (Oda Eiichirô, seit 1997) und „Piano Forest“ (Piano no mori, Isshiki Makoto, 1998–2015) arbeitete er heraus, dass Gender-Bending im shônen-Genre nur möglich ist, solange es innerhalb der Heteronormativität stattfindet und die hegemoniale Geschlechterordnung nicht gefährdet; dies wird erreicht zum Beispiel durch die Heterosexualisierung homosexueller Paare oder durch Überzeichnung bis hin zur Lächerlichkeit. Grenzüberschreitungen von Mann zur Frau werden, so Nishino, eher mit einem Machtverlust assoziiert und werden auch in den behandelten Werken nicht als positiv dargestellt.

In einem Videovortrag referierte Björn-Ole Kamm (Universität Kyôto) über japanische Tischrollenspiele und zeigte, wie dabei Sprache Realitäten schafft. Dies ist vor allem dadurch möglich, dass die japanische Sprache viele Ausdrücke und Formulierungen enthält, die eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Das führt dazu, dass männliche Spieler weibliche Charaktere häufig übertrieben weiblich und hilflos zeichnen. Weibliche Spielerinnen bleiben dagegen, so Kamm, Rollenspiel-Conventions eher fern, da sie von ihren männlichen Mitspielern häufig bevormundet werden, selbst wenn sie mit den Regeln vertraut sind. Dies wird als hime-sama-mondai, das „Prinzessinnenproblem“, bezeichnet und ist ein Grund dafür, dass weibliche Spielerinnen häufig schlecht in die öffentliche Rollenspielszene integriert sind.

Nach der Mittagspause wurden im nächsten Block terebi dorama, japanische Fernsehserien behandelt. Den Anfang machte Ronald Saladin (Universität zu Köln), der sich mit dem Typus des sôshoku(kei) danshi (‚Grasfresser‘-Mannes) in der Serie Ohitorisama („Party for One“, 2009) beschäftigte. Der Protagonist der Serie erfüllt verschiedene Kriterien, die für sôshoku-danshi-Männer herausgearbeitet wurden: er hat keinen Ehrgeiz bezüglich seiner Karriere, ist unbeholfen im Umgang mit Frauen und desinteressiert an sexuellen Beziehungen. Interessant ist dabei, dass auch in dieser Serie das Leben als sôshoku danshi als ein Zustand betrachtet wird, der zumindest teilweise überwunden werden muss, während Männer dieses Typus in der Realität zufrieden mit sich und ihrer Lebensweise sind.

Im Anschluss daran widmeten sich Elisabeth Scherer und Nora Kottmann (beide Universität Düsseldorf) aktuellen Weiblichkeitsdiskursen im terebi dorama anhand des Beispiels Otona joshi („Erwachsene Mädchen“, Fuji TV, 2015) und verbanden dabei kulturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Herangehensweisen. Diese Serie beschäftigt sich mit den Beziehungswelten 40-jähriger Frauen und der Frage des Älterwerdens. Scherer und Kottmann arbeiteten heraus, dass Otona joshi an verschiedene aktuelle Diskurse um die Lebensgestaltung von Frauen anknüpft, was sich z.B. in dem Aufgreifen von Modewörtern zeigt. In dem terebi dorama wird, so das Fazit, trotz einiger progressiver Elemente und einer ironischen Note letztlich die Vorstellung nicht überwunden, dass der Alterungsprozess für Frauen mit vielen Verlusten verbunden ist. Zudem wird eine heterosexuelle Paarbeziehung weiter als das ultimative Mittel zum Glück präsentiert.

Nach den Vorträgen gab es eine spannende Podiumsdiskussion, an der Chen-Long Chung (Illustrator), Andreas Degen (Dokomi-Organisator), Karen Heinrich (Cosplayerin und Cosplay-Forscherin), Benjamin Schulte (Dokomi-Organisator) und Christopher Willmann (Verlag Egmont Manga) teilnahmen. Moderiert wurde die Diskussion von Michiko Mae.
Die Teilnehmer/innen berichteten zunächst über ihr Berufsfeld, wie sie zu ihrer Profession gekommen sind und welchen Einfluss die japanische Populärkultur auf ihr Leben hat. In der Diskussion wurde herausgearbeitet, dass die japanische Populärkultur sich in Deutschland mit deutschen Einflüssen vermischt und damit hybridisiert wird. Da das Interesse an Anime, Manga, Cosplay etc. in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, sahen die Teilnehmer/innen auch weiterhin ein großes Potenzial und gute Zukunftsperspektiven für die japanische Populärkultur in Deutschland.


„Asian Gardens in the West“

Die Teilnehmer/innen des Symposiums

Symposium, 1. bis 3. Oktober 2015, Schloss Benrath und Haus der Universität Düsseldorf

Vom 1. bis 3. Oktober 2015 fand im Schloss Benrath und im Haus der Universität der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf die von der Thyssen-Stiftung und der DFG geförderte Tagung „Asian Gardens in the West“ statt, die von Christian Tagsold und Stefan Schweizer in Kooperation mit der Stiftung Schloss und Park Benrath organisiert wurde. Für die öffentliche Keynote-Speech war John Dixon Hunt (University of Pennsylvania) angereist, einer der weltweit führenden Gartenexperten. Hunt führte in seinem Vortrag zu Fragen der Authentizität asiatischer Gärten aus, dass diese Authentizität nicht wie bisher üblich beurteilt werden könne. Es sei ein Irrweg zu glauben, chinesische oder japanische Gärten müssten im Westen vor allem entsprechend den historischen Vorbildern selbst gebaut werden, da die Tradition insgesamt ein Konstrukt sei.

In der Einleitung zum Symposium hinterfragte Stefan Schweizer (Stiftung Schloss und Park Benrath) die nationale Kategorisierung in der Gartengeschichte. Einordnungen wie französischer oder englischer Garten dienten früh der Selbstvergewisserung einer Elite, die sich so national zuordnen konnten. Die Auswirkungen einer Nationalisierung der Gartengeschichte lassen sich an Gärten wie dem Shinjuku Gyōen in Tokyo zeigen, wo ein französischer, englischer und japanischer Garten inszeniert werden und mit einem Taiwanesischen Pavillon auch die koloniale Geschichte präsent ist.

Im Panel zu China zeigten James Bartos, Chairman der Garden History Society Großbritannien, und Bianca Rinaldi (Universität Turin) die historische Dimension des Tagungsthemas auf. Seit dem 18. Jahrhundert war die Idee des chinesische Gartens Teil einer umfassenden Diskussion über Natur, Ordnung und Gartengestaltung und beeinflusste die Genese des englischen Gartens, wenngleich weiter strittig ist, wie weitreichend dieser Einfluss letztendlich ist. Dies hat laut Rinaldi auch zu einer umfangreichen Neukonstruktion der chinesischen Gartengeschichte geführt, die auf ein spezifisches Modell von Gärten verengt wurde. Die chinesische Regierung versucht über diese enge Kanonisierung die Verbreitung chinesischer Gärten zu kontrollieren. Christoph Baier (HHU) zeigte auf, wie die Geschichte chinesischer Gärten in Singapur in den „Heritage Gardens“ genutzt wird, um einen Stadtteil aufzuwerten und Identitätspolitik zu betreiben.

Henry Noltie (Royal Botanic Garden Edinburgh) lenkte im Panel zu Indien das Augenmerk auf die Pflanzensammler des 19. Jahrhunderts, die den asiatischen Kontinent durchstreiften, um neue Pflanzen zu entdecken, klassifizieren und wenn möglich den botanischen Gärten in Europa zur Zucht zu übersenden. Die klassifikatorische Leistung dieser Sammler ist eine der wichtigen Grundlagen für die Entstehung eines Wissenskanons zu asiatischen Gärten.

Japanische Gärten waren das Thema von zwei Panels des Symposius. Wybe Kuitert (Seoul National University) verband seine Praxis als Gärtner in eindrucksvoller Weise mit der theoretischen Dekonstruktion. Als Beispiel diente ihm sein eigener Garten in Leiden, der von der Universität im Andenken an Philipp-Franz von Siebold in Auftrag gegeben worden war, der in der späten Edo-Zeit Japan bereiste und erforschte. Kuitert konnte zeigen, wie die diversen Interessen in der Gestaltung des Garten ihm bestimmte Themen aufzwangen, er aber andererseits im Wissen um das Problem des Begriffs „Zen-Garten“ eine praktisch postmoderne Version eines japanischen Gartens schuf. Christian Tagsold schloss mit einem Bericht über japanische Gärten als Icon in der Werbung an. Die Analyse fusste auf einer Präsentation eines japanischen Gartens für ein Unternehmensevent im Frühjahr 2015 im Sauerland und zeigte, dass japanische Gärten durch ihren Sinnüberschuss ein in der Werbung gut einsetzbarer Mythos sind (Barthes).

Miyuki Katahira (St. Andrews Universität) dekonstruierte die frühe Genese der Idee des japanischen Gartens im 19. und 20. Jahrhundert und konnte zeigen, wie aus einer Wechselwirkung der Schriften westlicher und japanischer Autoren ein verbindliches Modell entstand. Elisabeth Scherer zeigte schließlich, welche Rolle japanische Gärten in Filmen gespielt haben. In diesem Vortrag wurde der Sinnüberschuss noch einmal besonders deutlich, werden die Gärten doch als idealisierte Orte eingesetzt, um beim Zuschauer bestimmte Emotionen zu evozieren. Die Verwendung japanischer Gärten als Filmkulisse beeinflusst auch reale japanische Gärten im Westen, u.a. durch zusätzliche Einnahmen und einen Aufschwung in der Popularität.

Ergänzend zu den Vorträgen gab es eine Exkursion zu dem in den 1920er gestalteten japanischen Garten in Leverkusen, der unter den Teilnehmer/innen eine fruchtbare Diskussion zur Geschichte des japanischen Gartenmodells im Westen auslöste. Am Garten ließ sich der eklektische Ansatz reicher Sammler wie Carl Duisburg ebenso verdeutlichen wie die orientalistische Haltung in der Konstruktion eines spezifischen Wissenskanons im Sinne Edward Saids.


"Japan-Pop ohne Grenzen"

Das Publikum im Haus der Universität

Symposium, 22. Mai 2015, Haus der Universität Düsseldorf

Um Grenzen und deren Überschreitung ging es bei unserem Symposium “Japan-Pop ohne Grenzen” am Freitag, 22. Mai 2015, im Haus der Universität Düsseldorf. Passend zum Thema waren auch viele Interessierte aus anderen Städten angereist, unter anderem eine größere Gruppe Studierender der Universität Trier. Das Publikum war im Durchschnitt sehr jung, zugleich aber sehr erfahren im Bereich der japanischen Populärkultur, wie die fruchtbaren Diskussionen zwischen den Vorträgen zeigten. Bereichert wurde die Veranstaltung durch die Mischung wissenschaftlicher Vorträge mit Beiträgen aus der Praxis zu Cosplay und Manga. Das Symposium wurde so zu einem sehr erfolgreichen Beitrag zum Jubiläumsjahr “50 Jahre HHU”.

Zu Beginn machte Michiko Mae deutlich, welche Grenzen bei der Betrachtung der japanischen Populärkultur von besonderer Bedeutung sind. Zum einen gehe es um das Überschreiten kultureller Grenzen und um die Überschreitung der Grenzen von “high” und “low” culture, wie sie zum Beispiel von dem Künstler Murakami Takashi betrieben wird. Zudem lasse sich zunehmend feststellen, dass Mediengrenzen überschritten werden und Geschichten auf verschiedensten Plattformen präsent sind. Auch die Grenze zwischen Medienautor/innen und Fans werde durch zahlreiche Partizipationsmöglichkeiten aufgeweicht.

Mae zeigt anschließend in ihrem Vortrag zu shôjo-Manga anhand von Beispielen auf, wie diese Grenzüberschreitungen in der Praxis ausgestaltet werden. Der Manga Fuiichin-san (Ueda Toshiko, 1957–1962) zum Beispiel hat als Hauptfigur ein chinesisches Mädchen, das in einer multikulturellen Umgebung aufwächst – eines von vielen Beispielen für shôjo-Geschichten, die in einem transkulturellen Setting angesiedelt sind. Andere shôjo-Manga zeigen, wie Populärkultur eine offenere Auseinandersetzung mit schweren gesellschaftlichen oder auch persönlichen Problemen ermölgicht. Die shôjo-Manga erhielten dadurch laut Mae eine besondere Bedeutung für Mädchen: “Er ist nicht nur ihr Wegweiser, sondern geht in alle Höhen und Tiefen mit ihnen mit, eben wie eine gute Freundin, mit der sie aber nicht nur mitleiden, sondern auch Freude teilen können.”

Populärkultur für junge Männer stand im Mittelpunkt des Vortrags von Ronald Saladin: Er untersucht Lifestyle-Zeitschriften für junge Männer, eine in Japan sehr verbreitete Sparte, zu der es in Deutschland keine Entsprechung gibt. Anhand der Zeitschriften “Choki Choki” und “Men’s Egg” zeigte er auf, welch unterschiedliche Vorstellungen von Männlichkeit sich in diesen Publikationen zeigen können. In “Choki Choki” wird der sogenannte sôshoku danshi (“Pflanzenfresser-Mann”) angesprochen, der sich nach gängiger Vorstellung Frauen gegenüber eher passiv verhält und meist kaum Erfahrungen mit Frauen hat. Die Men’s Egg hingegen hat die Subkultur der gyaru-o als Zielgruppe, die ein bestimmtes (muskulöses) Körperideal verfolgt und für die es sehr wichtig ist, viele Sexualkontakte zu haben (wofür es in der Zeitschrift auch entsprechende Tipps gibt). Wie Saladin verdeutlichte, zeigen beide Zeitschriften trotz ihrer großen Unterschiede, dass das typische hegemoniale japanische Männlichkeitsideal des Salaryman durch verschiedene neue Männlichkeiten abgelöst wird.

Franziska Ritt widmete sich in ihrem Vortrag der glitzernden Welt der japanischen aidoru (“Idols”) – jungen Persönlichkeiten, die als Sänger/innen, Models und TV-Stars auftreten, sich aber meist durch keine herausragenden Talente auszeichnen. Es handelt sich eher um den Typ “nettes Mädchen/netter Junge von nebenan”. Ritt verdeutlichte, wie sehr der Erfolg dieser Idols an das Fernsehen geknüpft ist: Eine ständige TV-Präsenz erzeugt eine große Vertrautheit beim Publikum und sichert vor allem den Produktionsfirmen, die hinter den Idols stehen (sog. jimusho), Einnahmen durch CD-Verkäufe, Konzerte, Merchandise und Werbung. Die derzeit bekannteste Idol-Gruppe AKB48 kann durch ein ausgeklügeltes Marketing-System auch sehr große Erfolge in ganz Asien verbuchen. Wie Ritt feststellte, bleibt der große Erfolg der Idols auf dem westlichen Markt – bis auf wenige Ausnahmen wie zum Beispiel Kyary Pamyu Pamyu – bisher noch aus.

Nach der Mittagspause führte Fritjof Eckardt, Autor des Buchs “Was ist Cosplay?”, in die Welt dieses Hobbies (oder besser: dieser Leidenschaft) ein. Eckardt hat selbst viele Jahre als Organisator verschiedener großer Cosplay-Veranstaltungen tätig und konnte dabei beobachten, wie sich die Szene verändert hat. Zu Anfang habe als ersten Preis bei Wettbewerben in Deutschland lediglich mal einen Manga-Band gegeben, berichtet er. Heute sei Cosplay auch zu einem enormen Wirtschaftsfaktor geworden: Sponsoren stiften tolle Preise für Wettbewerbe, Cosplayer werden zu Werbeträgern, und auch die Politik interessiert sich mehr und mehr für die Szene. In Japan erscheinen teilweise sogar hochranginge Politiker wie Bürgermeister oder Gouverneure im Cosplay. Eine weitere positive Entwicklung sei die zunehmend objektivere Medienberichterstattung in Deutschland.

Die Kreativität der Fans stand im Mittelpunkt von Katharina Hülsmanns Vortrag, bei dem es um sogenannte dôjinshi ging. Dôjinshi sind Zeitschriften mit von Fans gezeichneten Manga zu bekannten Serien, die bei Fan-Conventions wie der Comiket in Tokyo oder der DoKomi in Düsseldorf verkauft werden. Diese Fan-Manga spinnen Geschichten weiter, füllen Leerstellen in der Ursprungsgeschichte aus oder knüpfen Beziehungen zwischen den Hauptfiguren. Junge Frauen machen einen Großteil dieser produktiven Fans aus. Wie Hülsmann verdeutlichte, beschränken sich die Fan-Werke nicht auf Anime oder Manga; auch westliche Serien wie Sherlock oder Supernatural regen die Zeichnerinnen an und es gibt sogar kleine Conventions, die sich nur diesen Geschichten widmen. Katharina Hülsmann hatte auch einige spannende Beispiele dabei, u.a. ein dôjinshi zu einer “Rammstein-Pilgerfahrt”, die zwei Freundinnen nach Deutschland unternommen haben.

Die Manga-Zeichnerin Christina Plaka zeigte an ihrem eigenen Werdegang auf, wie sich die gesamte Manga-Szene in Deutschland entwickelt hat: Während am Anfang vor allem die Imitation der Vorbilder aus Japan im Vordergrund stand und alles “so japanisch wie möglich” sein musste, hat sich mittlerweile verstärkt eine eigene Ausdrucksweise entwickelt. Plaka wurde zum Beispiel für ihren Comic “Kimi he – Worte an Dich” – die Abschlussarbeit ihres Manga-Studiums an der Kyôto Seika Universität – auch von der Arbeit des französischen Zeichners Bastien Vivès inspiriert. Sie selbst nennt ihren neuen Stil, den sie sich über verschiedene Werke hinweg entwickelt hat, “Fusionsstil”. Mittlerweile hat sie auch überhaupt kein Problem mehr damit, ihre Werke in Deutschland spielen zu lassen, im Gegenteil: Ihre aktuellen Werke “Ciao Bibi” (serialisiert in Comix) und “Go for it!” (erscheint dieses Jahr bei Carlsen) sind sogar in Plakas Heimatstadt Offenbach-Bürgel angesiedelt.

Als glamouröses Highlight hatten wir die Sängerin Désirée Richter – die auch bei uns studiert – zu Gast, die zu Anfang und zum Ende des Symposiums zwei Songs aus bekannten Anime interpretierte: Kimi o nosete zum Ghibli-Meisterwerk Laputa und Bara wa utsukushiku chiru aus der Serie Berusaiyu no bara (“Lady Oscar”).


"Symposium zu Familienpolitik in Japan und Deutschland"

Podiumsdiskussion am ersten Tag des Symposiums

Symposium, 09.-10. Januar 2015, Haus der Universität Düsseldorf

Am 9. und 10. Januar 2015 fand im Haus der Universität eine öffentliche Dialogveranstaltung unter dem  Thema  „Familienpolitik in Japan und Deutschland zwischen ‚Womenomics‘ und ‚Doing Family‘“ statt. Veranstalter waren das Institut für Modernes Japan der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, das Japanische Kulturinstitut Köln (Japan Foundation) und die Universität Tsukuba. Während der zweisprachig durchgeführten, simultan gedolmetschten Veranstaltung referierten renommierte japanische und deutsche Vertreter aus Wissenschaft und Politik und standen dem Publikum zur Diskussion zur Verfügung.

Erläutert wurden konkrete Veränderungen in der aktuellen Familienpolitik beider Länder. Dazu wurden gegenwärtige Entwicklungen sowie Kampagnen und Netzwerke, welche daran beteiligt sind, die familiäre Situation für Frauen, Männer und Familien in Japan und Deutschland positiv zu verändern, thematisiert. Auch theoretische Fragen bezüglich des Rahmens und der Ressourcen, die Gesellschaften in der heutigen Zeit bereitstellen müssen, damit im Sinne eines „Doing Family“ die Anforderungen des Familienlebens erfüllt werden können, wurden behandelt.

Die vollständigen Vorträge der unten stehenden Referenten finden Sie undefinedhier.

Zu den Referenten zählten:

Prof. Dr. Miyoko Motozawa (Universität Tsukuba)
Dr. Karin Jurczyk (Deutsches Jugendinstitut München)
Dr. Barbara Holthus (Universität Wien)
Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe (Justus-Liebig-Universität Gießen)
Klaus Bösche (Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, Nordrhein-Westfalen)
Koichi Hiraoka (Japanische Botschaft in Berlin)
Prof. Dr. Martin Seeleib-Kaiser (Oxford Universität)
Prof. Dr. Yoko Tanaka (Universität Tsukuba)
Prof. Dr. Annette Schad-Seifert (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)
Prof. Dr. Masako Ishii-Kuntz (Ochanomizu Universität Tokyo)

 


„Neue Rituale, suchende Geister – Religiöse Trends in Japan und japanische Religionen in Düsseldorf“

Glücks-Zettel am Eko-Haus in Düsseldorf

Studentische Tagung, 12. Juli 2014, Haus der Universität Düsseldorf

Um Bräute, schmerzende Beine und Bestattungstrends ging es bei dieser Tagung, bei der Studierende die Ergebnisse ihrer Forschungsprojekte präsentierten. Die Veranstaltung bildete den Abschluss des Seminars „Religion im gegenwärtigen Japan“ (Elisabeth Scherer), in dem die Studierenden teilnehmende Beobachtungen in Düsseldorf machten oder Webseiten japanischer Institutionen untersuchten.

Im ersten Teil der Tagung ging es um die Entwicklung von Ritualen im gegenwärtigen Japan. Hier zeigten sich in den Analysen der Studierenden deutliche Einflüsse des demographischen Wandels und der Marketing-Strategien, die von religiösen und kommerziellen Anbietern verfolgt werden. So verdeutlichte eine Gruppe, wie Tempel für ihre Angebote von Mizuko kuyô – einem Ritual für abgetriebene Föten und totgeborene Kinder – mit dem schlechten Gewissen der Eltern arbeiten. Ein Marketing-Instrument sind dabei auf der Tempel-Webseite veröffentlichte Briefe, die vermeintlich von Eltern an ihre nie geborenen Kinder gerichtet sind.

In der Hochzeitsindustrie wird, wie eine andere Gruppe aufzeigte, sehr stark mit dem Wunsch nach Individualität gearbeitet. Auf der Webseite des Anbieters Riviera Tokyo werden so eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten vorgestellt, die von der „Chrystal Chapel“ bis zur „Mc-Donald’s-Hochzeit“ reichen. Auch bei den Bestattungen diversifizieren sich die Wünsche, wie im letzten Vortrag zum Thema Ritual deutlich wurde. Bestattungsunternehmen bieten Rituale für alle größeren religiösen Richtungen an, und Zusatzoptionen sollen dafür sorgen, dass die Bestattung der Persönlichkeit der/des Verstorbenen gerecht wird. Darüber hinaus lässt sich deutlich ein neues Kostenbewusstsein erkennen.

Der zweite Teil der Tagung widmete sich dem japanisch geprägten religiösen Leben in Düsseldorf. Das Eko-Haus ist als Tempel der buddhistischen Jôdo-Shinshû ein wichtiges Zentrum japanischer Religiösität in Düsseldorf. Wie die Studierenden bei einer Beobachtung vor Ort feststellen konnten, sind jedoch nicht Japaner das Hauptpublikum des Eko-Hauses, sondern es finden sich hier Menschen mit den unterschiedlichsten Motivationen – vom Zen-Anhänger bis zum Fan der japanischen Kultur. Auch erobert sich vor Ort eine „nicht offizielle“ Religiösität Raum, wie kleine Glückszettel zeigen, die die Besucher aus einer Eigenmotivation heraus bei der Statue des Shôtoku Taishi aufhängen.

Eine offene Atmosphäre fanden auch zwei Studentinnen vor, die eine Zen-Gruppe in Düsseldorf besuchten und am Zazen teilnahmen. „Wenn ich hart zu mir bin, komme ich auch nicht zur Erleuchtung“, erläuterte der Zen-Lehrer – und widerlegte damit das Klischee vom zwingend strengen, eisernen Zen. Darüber hinaus wurde deutlich, dass Zen von den Betreibenden nicht unbedingt als etwas Japanisches wahrgenommen wird und Unterschiede zum Zen in Japan durchaus bewusst sind. Auf eine überraschende Meinungsvielfalt stießen auch vier Studenten, die bei einem Gruppentreffen der japanischen neuen Religion Sôka Gakkai in Düsseldorf teilnahmen. Die Mitglieder kommen mit den unterschiedlichsten Motivationen in die Gruppe, die von einer Prägung durch das Elternhaus bis zur Suche nach einem Lebenssinn reichen. Auch zeigten sich im Gespräch mit den deutschen und japanischen Mitgliedern unterschiedliche Einstellungen zur Öffentlichkeitsarbeit der Sôka Gakkai und zum Präsidenten der Sôka Gakkai International, Ikeda Daisaku.


„Lived Traditionalism – Japanese Traditions Beyond Invention“

Symposium, 29.–30. November 2013, Haus der Universität Düsseldorf

In der Japan-Forschung wird anknüpfend an das Konzept der „Invention of Tradition“ die „Traditionalität“ zum Beispiel von Shintô-Hochzeiten, Sumo oder Zen-buddhistischen Praktiken kritisch hinterfragt. Dabei gerät oft in Vergessenheit, dass soziale Praktiken, die sich als erfundene Traditionen kritisieren lassen, trotzdem in der Welt sind und sich viele Menschen dafür engagieren, sie mit Leben zu füllen. Was als Erfindung angefangen hat, ist heute oft sehr produktiv, erfährt vielfältige Neuentwicklungen und –Interpretationen und gewinnt damit eine Authentizität, die nicht auf „archaische Wurzeln“ angewiesen ist. Dabei reflektieren die Praktizierenden dieser „Traditionen“ oft selber den Erfindungscharakter, sind sich dessen also bewusst und können sogar bewusst ironische Brechungen herbeiführen. Angesichts dessen greift eine einfache Kritik der „erfundenen Traditionen“ inzwischen erheblich zu kurz.

Das Symposium beschäftigte sich aus einer postmodernen Perspektive mit der produktiven Ebene dieser „Traditionen“ und gab Einblicke in die gegenwärtige Praxis von Künsten wie der Teezeremonie, dem Judô oder der Gartenkunst. Die versammelte Runde von internationale Experten ging damit über das Prinzip der Dekonstruktion hinaus und zeigte auf, dass diese Praktiken trotz ihres erfundenen Charakters ernst genommen werden müssen.

Am Symposium beteiligt waren Angus Lockyer (SOAS London, Thema Ausstellungen), Andreas Niehaus (Universität Gent, Judô), Christian Tagsold (Universität Düsseldorf, japanische Gärten), Kristin Surak (SOAS London, Teezeremonie), Christoph Brumann (Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung Halle, Unesco Weltkulturerbe), Sarah Teasly (Royal College of Art, japanisches Design) und Elisabeth Scherer (Universität Düsseldorf, Shintô-Hochzeit).


„Alter(n) im Blick. Feldforschung in Japan und Deutschland“

Workshop, Bachelor Plus, 12. Juli 2013, HHU

Im Rahmen des Bachelor Plus Programmes berichteten am 12.07.2013 drei Referenten aus ihrer Feldforschungspraxis rund um das Thema Alter(n). Im Mittelpunkt des öffentlichen Workshops stand der Austausch über methodische Aspekte der Planung und Durchführung von Feldforschungsvorhaben – nicht nur in Bezug auf Alter(n)sforschung).

Denn neben den drei Erfahrungsberichten von der Feldforschung aus dem Themenbereich Alter(n) präsentierten auch die diesjährigen Bachelor Plus Studierenden ihre thematisch sehr vielseitigen Forschungsprojekte.  Nach der Begrüßung durch den Projektleiter des BA+ Programmes, Prof. Dr. Shingo Shimada und die Projektkoordinatorin Michiko Uike-Bormann, stellte sich auch der mittlerweile dritte Jahrgang der Bachelor Plus Studierenden vor, die ab dem kommenden Wintersemester für ein Jahr nach Japan gehen werden. Während dieses einjährigen Studienaufenthaltes führen die Studierenden Feldforschungsprojekte zu selbst gewählten Themen durch.

Nicht nur für die Bachelor Plus Studierenden, auch für die anderen ZuhörerInnen bot der Workshop einen spannenden Einblick in Feldforschungsprojekte sowohl auf der Ebene größerer drittmittelfinanzierter Forschungsprojekte, als auch im Rahmen von Dissertationsvorhaben oder studentischen Qualifizierungsarbeiten. Die Diskussion um Feldzugang, Forschungsethik und mögliche Probleme im Feld war sicher für den Einen oder die Andere bereichernd für eigene empirische Forschungsvorhaben.

Einen ausführlichen Bericht zu der Veranstaltung gibt es auf unserem undefinedInstitutsblog.


„Die japanische Populärkultur und Gender“

Panel, 30. August 2012, 15. Deutschsprachiger Japanologentag Zürich

In einem Panel beim 15. Deutschsprachigen Japanologentag in Zürich untersuchten Michiko Mae, Stephanie Klasen und Elisabeth Scherer verschiedene populärkulturelle Genres auf ihre Bedeutung für neue Genderidentitäten und Genderverhältnisse in der heutigen japanischen und deutschen Gesellschaft.

Michiko Mae
analysierte in ihrem Beitrag einige Shôjo-Manga/Anime. Die Medienkritikerin Fujimoto Yukari (2008) hat Shôjo-Manga über einen großen Zeitraum hin untersucht und u.a. systemkonforme Tendenzen festgestellt; man könnte also erwarten, dass Shôjo-Manga/Anime auf der narrativen Ebene eher die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und das vorherrschende Genderverhältnis bestätigen und stabilisieren. Andererseits gibt es aber auch Shôjo-Manga/Anime, die subversive Messages und Inhalte vermitteln, besonders Transgender-Mangas, in denen Mädchen in männlicher Erscheinungsform auftreten. In einigen Boy’s love-Manga werden neue Genderidentitäten und Genderverhältnisse gesucht und damit experimentiert. Was bedeuten Grenzüberschreitungen zwischen den Genres Shôjo- und Shônen-Manga und zwischen deren Fans, die grenzüberschreitend beide Genres konsumieren, für die Veränderung der Genderverhältnisse in Japan? Diese und andere Fragen thematisierte Mae in ihrem Beitrag.

Stephanie Klasen untersuchte, inwiefern Manga-Mitmachfanfiction als Plattform für Gender-Experimente dienen kann. Studien zu Fanfiction sehen diese häufig als potentiellen Ort für die Entwicklung von alternativen und subversiven Interpretationen des Kanons. Damit bestehe auch die Möglichkeit, dass durch diese Interpretationen herrschende Genderverhältnisse auf den Kopf gestellt werden. Inzwischen geht die Tendenz aber eher dazu, diese Einschät-zung etwas kritischer zu sehen. Die Frage, ob Anime/Manga-Fanficion nicht doch das Potential hat, eine ‚Spielwiese‘ für alternative Geschlechterkonstruktionen zu bieten oder ob sie nur Geschlechterstereotype aufgreift, untersuchte Stephanie Klasen anhand von deutscher Mit-machfanfiction zur Manga-Serie Naruto, in denen Geschlechtertausch zum Thema gemacht wird. Klasen analysierte Text und Kommentare dahingehend, welche Entwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit vorhanden sind und wie Figuren und Teilnehmer auf die ungewöhnlichen Geschlechterkonstellationen reagieren.

Die Angebote von Geschlechteridentität, die in japanischen Fernsehserien (terebi dorama) auftauchen, waren Thema des Vortrags von Elisabeth Scherer. Auf den ersten Blick muten aktuelle japanische Fernsehserien häufig an wie eine Keimzelle der Subversion. Doch handelt es sich hierbei auch um „echte“ Identitätsangebote für diejenigen, die diese Serien konsumieren? Wird die Abweichung von der gesellschaftlichen Norm mit den terebi dorama im Raum der Fiktion „gebannt“ und verbleibt auch in diesem, oder verleiten die Figuren tatsächlich zur Nachahmung im Alltag? Scherer ging in ihrem Vortrag diesen Fragen nach, indem sie an einem Beispiel strukturelle Merkmale einer Serie verdeutlichte, die Möglichkeiten für ein identifikatorisches „Andocken“ und performatives Nacheifern eröffnen. Darüber hinaus wurde ein Internet-Forum zu dem terebi dorama betrachtet, dessen Nutzerkommentare interessante Aufschlüsse zur Rezeption geben können.


„Japans Zivilgesellschaft nach Fukushima“

Workshop, Bachelor Plus, 28. Juli 2012, Vortragsraum der ULB, HHU

Wie hat sich die Zivilgesellschaft in Japan nach der “Dreifachkatastrophe” im März 2011 verändert? Welche Auswirkungen hatten die dramatischen Ereignisse rund um das havarierte Atomkraftwerk in Fukushima auf die japanische Gesellschaft und deren zivilgesellschaftliches Engagement? Und was bedeutet das für Studierende und Forschende, die nach Japan gehen? Diese und andere Fragen standen im Mittelpunkt des Workshops „Japans Zivilgesellschaft nach Fukushima“ im Rahmen des Bachelor Plus am 28.07.2012.  

Nach der Begrüßung durch Peter Bernardi bildete PD Dr. Christian Tagsold mit seinem Vortrag „Zivilgesellschaft nach 3/11 – jenseits von Fukushima“ den Auftakt. Er berichtete von seinen Forschungen in ländlichen Regionen von Iwate-ken und Miyagi-ken, in denen der hohe Anteil alter Menschen eine besondere Herausforderung bei der Bewältigung der Folgen von Erdbeben und Tsunami  bildet. Vor dem Hintergrund einer kritischen Betrachtung des Konzepts der Zivilgesellschaft gab Tagsold Einblick in seine im September 2011 durchgeführte Feldforschung. Im Anschluss an die Katastrophe war in Iwate und Miyagi die Sicherstellung der Pflege dementer alter Menschen ein dringendes Problem. Hier war die Japanische Vereinigung der Wohngruppen für Demente (Nihon ninchishô gurûpu hômu kyôkai), ein Dachverband für sogenannte Grouphomes (gurûpu hômu), in denen aktivierende Pflege in kleinen Wohngruppen bis zu zehn Personen betrieben wird, ein wichtiger lokaler Akteur. Tagsold legte dar, wie die Verantwortlichen dieser Organisation die Hilfe konkret organisierten und kanalisierten. Dabei stellte er heraus, dass bürgerliches Engagement in Japan nicht auf der Ebene großer Akteure funktioniere, sondern auf der Ebene kleiner Gruppierungen, die hervorragend vernetzt seien. In Anlehnung an Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie schlug er ein alternatives Analysemodell zivilen Engagements vor, das nicht von einer einheitlichen Zivilgesellschaft ausgeht, sondern die Verbindungslinien in diesen Netzwerken verschiedener lokaler Akteure verfolgt.  

Im Vortrag von Dr. Martin Dusinberre (Newcastle University, derzeit Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context“, Universität Heidelberg) ging es unter dem Titel „March 11 and Japan’s postwar ,nuclear village‘: what’s changed?“ um die kleine Stadt Kaminoseki, Yamaguchi-ken, und die dortigen Auseinandersetzungen um den Bau eines Atomkraftwerks. In einem mikrohistorischen Zugriff schilderte Dusinberre die Hintergründe für diesen Fall von DIMBY (definitely in my backyard) im Gegensatz zum NIMBY Phänomen, einer Haltung des „not in my backyard!“, wie sie häufig in Diskussionen um geplante Atomkraftwerke zum Ausdruck kommt. Mitte der 1980er Jahre hatte der Stadtrat mit überwältigender Mehrheit für den Bau eines AKWs gestimmt; nach langen Auseinandersetzungen zwischen AKW Befürwortern und Gegnern waren seit Anfang 2011 die Arbeiten in vollem Gange, als sich die Katastrophe von Fukushima ereignete. In der Folge wurden die Arbeiten gestoppt und Kaminoseki rückte in den Fokus des medialen Interesses. Für viele überraschend, ging bei den Bürgermeisterwahlen, die nur ein halbes Jahr nach Fukushima stattfanden, der pro-AKW eingestellte Kandidat als klarer Sieger hervor.  In Dusinberres Vortrag wurden sehr klar die Realitäten des kleinen Ortes mit nur 3.500 Einwohnern deutlich, der, wie viele ländliche Regionen an der Peripherie, stark unter Bevölkerungsrückgang und Überalterung leidet. In diesem Zusammenhang seien die Planungen für ein AKW in Kaminoseki aus Sicht der Befürworter als notwendige Maßnahme der „town making policies“ (machizukuri) zu sehen, die für das Überleben der Gemeinde angesichts der geschilderten Probleme unerlässlich sei. Die mit einem AKW verbundenen Risiken erschienen vielen Einwohnern gegenüber der krisenhaften Situation der Stadt als das kleinere Übel. Zudem machte Dusinberre deutlich, wie die lokalen zivilgesellschaftlichen Strukturen in Kaminoseki es den Verantwortlichen von Chugoku Electric, der Betreiberfirma des AKW, leicht machten, ihre Ziele durchzusetzen: Die Zivilgesellschaft von Kaminoseki sei geprägt von starken vertikalen Strukturen, in denen die Macht in den Händen weniger einflussreicher Männer liege. Dabei bekleideten wichtige Akteure der Zivilgesellschaft gleichzeitig auch offizielle Positionen in der Lokalregierung, so dass soziale Beziehungen und soziale Verpflichtungen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der pro-AKW Einstellung vieler Bürger Kaminosekis spielten.  

Den Abschluss des Workshops bildete der Vortrag der beiden jungen Filmemacherinnen Julia Leser und Clarissa Seidel. Ihr Dokumentarfilm „Radioactivists – Protests and Discourse in Japan since Fukushima“ entstand zwischen April und Mai 2011 in Tôkyô und behandelt die Anti-Atomkraft-Bewegung und die Straßenproteste, die durch die Ereignisse in Fukushima hervorgerufen wurden. Beide hielten sich zum Zeitpunkt des Erdbebens am 11. März in Japan auf, die Japanologin Julia Leser wegen eines Auslandsjahrs an der Waseda Universität, die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Seidel hatte nach ihren Abschlussprüfungen eine Japanreise unternommen. Für ihren Film sprachen Leser und Seidel mit Teilnehmern und Organisatoren der Demonstrationen und Protestaktionen und diskutierten mit Intellektuellen und Sozial- und Politikwissenschaftlern über die Auswirkungen und Bedeutung der aktuellen Proteste.  Anhand längerer Filmausschnitte beleuchteten die beiden Regisseurinnen die Hintergründe der Protestbewegung und ließen insbesondere die Aktivisten der Gruppierung Shirôto no ran („Aufstand der Amateure“) zu Wort kommen, die im Frühjahr 2011 die größte Anti-Atomkraft Demonstration organisierten. Leser und Seidel zeigten aber auch, dass es, entgegen der Berichterstattung in deutschen Medien, auch bereits vor Fukushima eine Protestkultur in Japan gegeben hat, zu der auch Shirôto no ran gehört. Dabei wurde deutlich, dass die Proteste, die Leser und Seidel dokumentieren, sich nicht nur gegen die Atomlobby, die Regierung und TEPCO richten, sondern auch die Sozialstruktur und gesellschaftspolitischen Realitäten der japanischen Gesellschaft  anprangern.

In der anschließenden Diskussion interessierten die Studierenden neben inhaltlichen Fragen zur Anti- Atomkraft-Bewegung auch ganz praktische Fragen zur Vorgehensweise der Filmemacherinnen bei den Dreharbeiten. Der Vortrag von Julia Leser und Clarissa Seidel ermöglichte einen spannenden Blick hinter die Kulissen eines studentischen Dokumentarfilmprojekts.


„Medienberichterstattung zur Katastrophe in Japan“

Studentisches Symposium, 4. Februar 2012, HHU

Die dreifache Katastrophe vom März 2011 in Nordjapan hinterließ auch in den globalen Medien ihre Spuren. Auch deutsche Fernsehsender, Zeitungen und auch Internet-Medien berichteten wochenlang fast ausschließlich über die Folgen des Erdbebens und des Tsunamis, konzentrierten sich aber vor allem auf die Havarie der Kernkraftwerke von Fukushima. Wie diese Mediendiskurse strukturiert waren, war Thema des studentischen Symposiums „Medienberichterstattung zur Katastrophe in Japan“.
Die Studierenden eines Seminars von Prof. Dr. Dr. h.c. Mae und PD Dr. Tagsold hatten das Symposium selbst organisiert und beworben.

Die Veranstaltung war in drei Themenblöcken unterteilt. Zunächst wurden verschiedene Aspekte der Berichte über die atomaren Katastrophe unter die Lupe genommen – so zum Beispiel die Kontroverse über die sogenannten „Wegwerfarbeiter“ in Fukushima oder die „Fukushima 50“. Der zweite Themenblock wandte sich verschiedenen deutschen Sichtweisen auf die Katastrophe zu. Die Rolle der Japanologen im Mediendiskurs war hier ebenso relevant wie die Frage, wie Deutsche in Japan durch Zeitungen befragt wurden. Abschließend wurde die Sichtweise deutscher Mediendiskurse auf die japanische Zivilgesellschaft analysiert. Insgesamt warfen die Beiträge des Symposiums einen sehr kritischen Blick auf die Mediendiskurse. Immer wieder wurde deutlich, wie kulturalistisch die Berichterstattung argumentiert.


„Familie, Jugend, Alter – Tendenzen und Perspektiven in Japan und Deutschland im Zeitalter der Globalisierung“

Workshop, 1.–2. Juli 2011, HHU

Der interdisziplinäre Workshop „Familie, Jugend, Alter – Tendenzen und Perspektiven in Japan und Deutschland im Zeitalter der Globalisierung“ fand am 01. und 02. Juli 2011 im Forschungszentrum der Philosophischen Fakultät der HHUD statt. Organisiert wurde er in Kooperation der Institute für Modernes Japan und Medien- und Kulturwissenschaft. Aus der Veranstaltung ist der Band undefinedFamilie – Jugend – Generation hervorgegangen (Springer VS, 2013).

Eingeleitet wurde der erste Tag durch eine Begrüßung von Prof. Dr. Annette Schad-Seifert und eine Vorstellungsrunde der insgesamt zehn Referenten. Im Anschluss daran leitete Annette Schad-Seifert den Block „Familie“ ein. In ihrem Vortag „Polarisierung der Familienformen und Single-Gesellschaft in Japan“ gab sie einen Einblick in neuere gesellschaftliche Entwicklungen und wissenschaftliche Analysen zu Familie und Heirat in Japan - ein Thema, welches oftmals verwoben mit dem demographischen Wandel und den daraus resultierenden sozialen und ökonomischen Problemen debattiert wird. Daran anknüpfend beleuchtete Nora Kottmann in ihrem Beitrag „Einige theoretische Gedanken zum Familienkonzept in Japan – das Fallbeispiel von Herrn A“, wie das normative Familienmodell lebensweltlich umgesetzt wird. Das Fallbeispiel von Herrn A, einem männlichen 34-jährigen Firmenangestellten aus Tokyo, ist dabei als „alternativer Entwurf“ zu betrachten, da Herr A seinem Lebenstraum folgend ein Netzwerk aufgebaut hat, welches durchaus als „Ersatzfamilie“ bezeichnet werden kann, da es ihm den emotionalen Rückhalt bietet, den seine Herkunftsfamilie verweigert. Nora Kottmann spricht sich vor allem mit Blick auf diesen Lebensentwurf dafür aus, das Konzept von Familie auszuweiten.

Im Beitrag von Katrin Ullmann „Familie und Angst in den Selbstkonstruktionen junger Erwachsener aus Südosteuropa“ wurde anhand verschiedener Interviews aufgezeigt, wie Angst familiäre Bindungen zu stärken und zu definieren vermag. Vor allem Interviewpartner, die über Erlebnisse des Krieges und den daraus erwachsenen Ängsten berichteten, wiesen auf ein Verstärken der Signifikanz von Familie sowie ein Erstarken des Zusammenhalts der Familien hin. Stephanie Reuter zeigte in ihrem Beitrag „Familie als Prekarisierungspraxis“ anhand einer rekonstruierten Biographie eindrucksvoll auf, wie sich normative Vorstellungen von Familie und das Ausleben alternativer Familien- und Genderentwürfe in einem einzigen Lebenslauf vorfinden können. Das Fallbeispiel machte deutlich, dass die Selbstwahrnehmung von Geschlecht sowie eine „geschlechtlichen Identität“ im Leben eines Menschen wandelbar und veränderlich sind.

Einstimmend auf den Bereich der Jugend, gab Dr. Hans Malmede mit seinem Vortrag „Forschungsobjekt Jugend – Deutungsmuster im 20. Jahrhundert aus kulturwissenschaftlicher Sicht“ einen Überblick über den Bereich der historischen und aktuellen Jugendforschung. Er gab Einblicke in Schwerpunkte, Perspektiven und Paradigmen und stellte Tendenzen und Forschungsansätze genauer vor. Anschließend referierte Stephanie Osawa in ihrem Vortrag „Hegemoniale Devianzkonzeptionen hinterfragen – die Perspektive devianter Jugendlicher in Japan am Beispiel des Schülers W“ zu abweichendem Verhalten in der Selbstwahrnehmung devianter Jugendlicher. Anhand des Interviews mit dem Schüler W rekonstruierte sie die Bedeutung, die das abweichende Verhalten in seiner Selbstinterpretation einnimmt und arbeitete Erklärungs- und Deutungsmuster heraus, die Devianz in Ws Wahrnehmung konstituieren. Den Block zu Jugend schloss Adam Jambor mit dem Vortrag „Studenten in Okinawa – Zwischen ‚Traum‘ und ‚Zukunftsangst‘“ ab. Basierend auf einer Umfrage und qualitativen Interviews stellte er studentische Lebensentwürfe im Spannungsfeld zwischen dem „Traum“ und den „Zukunftsängsten“ vor, die sich im Zuge der wirtschaftlich prekären Lage auf Okinawa ergeben.

Den zweiten Tag des Workshops eröffnete Hisako Yoshizawa mit dem Beitrag „Eheschließung und die Frage des Umgangsrechts in Japan – Flexible Entscheidungen am Beispiel von Interviews mit Betroffenen“. Dabei stellte Frau Yoshizawa das japanische System der einvernehmlichen Scheidung vor und verdeutlichte an einem Fallbeispiel, wie Umgangsrecht individuell geregelt wird, ohne dass gesetzliche Fixierungen existieren. Im Anschluss daran stellte Constanze Noack „Japans ‚pflanzenfressenden‘ Mann als Spiegelbild des gesellschaftlichen Umbruchs“ vor. Mithilfe des medialen Diskurses wurde aufgezeigt, wie am Beispiel des „Pflanzenfresser Mannes“ verschiedene soziale und ökonomische Aspekte der sich verändernden japanischen Gesellschaft an diesem Männlichkeitstyp verhandelt werden. Den Abschluss des Workshops bildete Lars Wannemacher mit seinem Beitrag „Gegenderte Generationen und ihre Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis“. Dabei zeigte er auf, wie das Generationenkonzept auf die „Gay Community“ übertragen werden kann, so dass bestimmte Ereignisse den Grundstein einer kollektiven Erinnerung legen, die von Generation zu Generation variieren aber auch weitervermittelt werden.


„Jenseits von Murakami – Die ‚andere‘ japanische Literatur der Gegenwart“

Symposium, 17. Juni 2011, Goethe-Museum Düsseldorf

Das Goethe-Museum Düsseldorf öffnete am Freitag, 17. Juni 2011, seine Tore für Japan-Interessierte und Japanologen zu dem Symposium „Jenseits von Murakami – Die ‚andere‘ japanische Literatur der Gegenwart“, veranstaltet vom Institut für Modernes Japan der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf im Rahmen der Reihe: „Tokyo – Düsseldorf, und zurück“.

Diesmal drehte sich alles um die japanische Gegenwartsliteratur, in der es auch jenseits von Murakami Haruki spannende Werke und Autor/innen zu entdecken gibt. Beispielsweise die Literatur der in Japan lebenden koreanischen Minderheit, die Kristina Iwata-Weickgenannt (DIJ Tokyo) in dem ersten Beitrag „Zwischen den Zeilen. Identitätskonstruktionen in der japankoreanischen Literatur“ vorstellte. Für diese Schriftsteller ist die Frage, ob sie sich als japanisch, koreanisch, japankoreanisch oder vielleicht etwas ganz anderes verstehen, eine, der sie sich kaum entziehen können, selbst wenn sie es wollen. Andersherum fordern sie durch die Präsenz ihrer Stimme Konzepte einer japanischen Nationalliteratur heraus und regen so dazu an zu hinterfragen, was denn eigentlich ‚japanisch‘ ist.

Einer ganz anderen Perspektive auf letztere Fragestellung ging Lisette Gebhardt (Universität Frankfurt) in ihrem Vortrag über „Das japanische Unglück in der Ära vor Fukushima – Kirino Natsuos dunkle Welt“ nach. Kirino Natsuo gehört keiner japanischen Minderheit an, aber setzt sich äußerst kritisch mit der japanischen Gesellschaft, dem „Reich der Seifenblasen“ („Bubblonia“), wie Kirino sie nennt, auseinander. Kirinos düstere Romane gehören zum Genre des „Nippon Noir“, gleichzeitig sieht Gebhardt sie auch als Vertreterin einer neuen Prekariatsliteratur, die geprägt ist von der Angst vor dem sozialen Abstieg und ‚Japanhass‘. Abschließend wirft Gebhardt die Frage auf, ob und wie die gegenwärtige Katastrophe in Japan sich auf die Entstehung einer neuen engagierten Literatur auswirken und wie Unglück in der Post-Fukushima-Ära neu definiert werden wird.

Ina Hein (Universität Wien) führte in ihrem Vortrag „Magie und postkoloniale Subversion: Okinawa in der japanischsprachigen Gegenwartsliteratur“ in die Literatur aus und über Okinawa ein. Okinawa, die südlichste Präfektur Japans, erlebte eine wechselvolle Geschichte. Bis zum 17. Jahrhundert war sie ein eigenes Königreich zwischen China und Japan, danach galt die Inselgruppe als zu Japan gehörig und wurde dann im 19. Jahrhundert zur japanischen Präfektur erklärt. Nach der Niederlage Japans im zweiten Weltkrieg besetzten die USA Okinawa.

Erst 1972 ist sie wieder ein Teil Japans, aber noch immer befinden sich dort zahlreiche amerikanische Stützpunkte, gleichzeitig ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor und ständige Quelle von Problemen. Auf den japanischen Hauptinseln sorgte ein regelrechter Okinawa-Boom dafür, dass Okinawa zum Inselparadies für zivilisationsmüde ‚Aussiedler‘ stilisiert wurde. Einige okinawanischen Autoren, beispielsweise Medoruma Shun und  Tefu Tefu P., versuchen durch den Bruch oder das Spiel mit bekannten Okinawa-Klischees ein eigenes, subversives Okinawa-Bild zu entwerfen. Dabei bedienen sie sich häufig des Stilmittels des magischen Realismus, weshalb Hein die These aufstellt, dass die Literatur okinawanischer Autor/innen aus einem postkolonialen Kontext heraus verstanden werden muss.

Mit „Yoko Tawada und ihre Werke: Eine transkulturelle Reise“ stellte Michiko Mae (Universität Düsseldorf) die Autorin Yoko Tawada und zentrale Motive ihres Œuvre vor. Yoko Tawada lebt seit 1982 in Deutschland und schreibt auf Deutsch und Japanisch. Mae stellt fest, dass Tawada die Fremdheitserfahrungen, die aus der Position eines Außenseiters in Deutschland und durch das Lernen und Sprechen einer Fremdsprache entstehen, als kreatives Potential benutzt. Sie positioniere ihr eigenes Sprechen und Schreiben dabei außerhalb einer bestimmten Sprache, Kultur und Nation in einem Raum des Dazwischen, der zum Ort des Schreibens und des Entdeckens wird.

Den krönenden Abschluss des Abends bildete dann die besonders gutbesuchte Lesung der bekannten Autorin Yoko Tawada. Tawada las aus ihrem neuesten Werk „Abenteuer der deutschen Grammatik“ und einigen älteren Texten. Frau Tawada ließ dabei die japanischen und deutschen Texte zu einem Erlebnis werden, bei dem das Publikum seiner eigenen Sprache wie einer Fremdsprache mit neuen Augen begegnete und in der Fremdsprache Vertrautes entdecken konnte.


„Feldforschung in Japan – Berichte aus der Praxis“

Cosima Wagner berichtete von ihrer Feldforschung

Workshop, Bachelor Plus, 11. Juni 2011, Hörsaal 2B, HHU

Die Auseinandersetzungen mit Feldforschung, Methoden und Strategien stand im Mittelpunkt des Workshop „Feldforschung in Japan - Berichte aus der Praxis“ im Rahmen des Studiengangs „Bachelor Plus: Kultur- und Sozialwissenschaftliche Japanforschung“ am 11.06.2011. Die drei Vortragenden Dr. des. Cosima Wagner, Michiko Uike-Bormann und Celia Spoden veranschaulichten anhand ihrer eigenen Feldforschung in Japan vor, wie sie entsprechende Vorhaben konzipiert und realisiert haben. Dabei diskutierten sie theoretische wie praktische Forschungsfragen für Interviewplanung und -durchführung, Transkription, teilnehmender Beobachtung sowie Aufnahmetechnik, Zeitmanagement oder Kontaktpflege, sodass ein reger Dialog mit den anwesenden Studierenden entstand.

Prof. Dr. Shingo Shimada begrüßte die Gäste und führte in den Workshop ein, der die Zielsetzung des Studiengangs „Bachelor Plus: Kultur- und Sozialwissenschaftliche Japanforschung“ unterstützt. Innerhalb des Bachelor Plus-Programms stellt studentische Forschung ein zentrales Element dar. Während des Aufenthalts in Japan führen die Studierenden ein eigenes Forschungsprojekt durch und tauschen sich online vernetzt mit den Betreuern in Düsseldorf über Fortschritte und Ergebnisse aus.

Auf eine Reise in japanologisches Neuland führte Cosima Wagner (Universität Frankfurt) zu Beginn des Workshops: In ihrer Dissertation untersuchte sie die gesellschaftliche Akzeptanz von Robotern in Japan und präsentierte hier einen Auszug zur „Feldforschung in Seniorenheimen in Japan - Fallstudien zur Roboter-Therapie (robotto serapii)“. Dazu interviewte sie Ingenieure, Beamte des Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) wie auch Fachkräfte in der Pflege und ergänzte diese Perspektiven mit teilnehmender Beobachtung von Sitzungen der robotto serapii. An zwei Fallstudien zeichnete sie ihren Weg von Vorbereitung bis hin zur konkreten Interviewsituation nach und gab viele praktische Tipps zur Planung und Durchführung von studentischer Forschung.
Interviews und teilnehmende Beobachtung spielten eine entscheidende Rolle für

Michiko Uike-Bormann (Universität Freiburg) und ihre „Ethnologische Feldforschung in japanischen Themen- und Kulturparks“. Am Beispiel des Holland-Themenpark „Huis Ten Bosch“ in Nagasaki zeigte sie, wie sie einen Zugang zum Feld vorbereitete, den Kontakt mit InterviewpartnerInnen aufbaute, Interviews führte und wie die spätere Datenverarbeitung ablief. Ihr praxisorientierter Vortrag zeigte sehr anschaulich Herausforderungen und Vorteile der Grounded Theory und die Bedeutung von Flexibilität im Forschungsalltag.

Feldforschung als einen Prozess, der mitunter zu überraschenden, aber sehr produktiven Ergebnissen führen kann, verdeutlichte Celia Spoden. (Universität Düsseldorf) in ihrem Vortrag „Planen mit dem Unplanbaren: Von der Projektidee zum Interview“. Ausgehend von Forschung zu „Patientenverfügungen in Japan“ veränderte und erweiterte sich ihr Forschungsthema durch die Ergebnisse der Feldforschung. Sie ermutigte zu Eigeninitiative bei der Kontaktaufnahme zu möglichen InterviewpartnerInnen und zu anpassungsfähiger Zeitplanung im Feld.


„Japanische Populärkultur als Hybrid“

Katharina Hülsmann und Sebastian Boehnert

Studentisches Symposium, 21. Mai 2011, Hörsaal 3B, HHU

Anlässlich des Jubiläums der japanisch-deutschen Beziehungen veranstalteten unsere Studierenden ein Symposium, bei dem junge JapanologInnen ihre Forschungsprojekte vorstellen konnten. Unter dem Thema „Japanische Populärkultur als Hybrid – Das Überschreiten kultureller Grenzen in der Postmoderne“ trugen Studierende der HHU und Gäste von anderen Universitäten zu einer lebhaften Diskussion bei.

Im Laufe des Symposiums kam es zu einer Debatte zu den verschiedenen Ebenen von Japanizität und zu neuen kulturellen Denkmustern im gegenwärtigen Kontext. So war eine der leitenden Fragen, wie man heutzutage neue Methoden finden könne, um Popkultur und entsprechende Produkte wissenschaftlich zu untersuchen. Eine Frage, die natürlich besonders für angehende Wissenschaftler von grundlegendem Interesse ist. Dabei wurden auch die diversen Felder deutlich, auf denen gedankliche Grenzen gezogen, aber auch wieder eingerissen werden müssen.

Einen ausführlichen Bericht zu dieser Veranstaltung mit Zusammenfassungen zu allen Vorträgen gibt es im undefinedInstitutsblog.


„Vom Japonismus zur Japanimation“

Symposium, 20. Mai 2011, Goethe-Museum Düsseldorf

Sei es Van Gogh, der mit dem Pinsel die Linienführung japanischer Holzschnitte übernahm und damit die Landschaft der Provence lebendig auf Papier bannte, seien es deutsche Mangaka, die heute im Stil japanischer Comics Fantasiegeschichten zeichnen – der kulturelle Austausch zwischen Japan und dem Westen ist seit dem 19. Jahrhundert sehr fruchtbar. Bei dem vom Instiut für Modernes Japan veranstalteten Symposium „Vom Japonismus zur Japanimation“ im Goethe-Museum Düsseldorf wurde die Vielfalt dieser kulturellen Austauschprozesse in sechs Vorträgen aufgezeigt. Aus dem Symposium ist der Band undefinedNipponspiration hervorgegangen (Böhlau, 2013).

Michiko Mae, die Initiatorin des Symposiums, stellte heraus, dass die Auseinandersetzung mit der japanischen Kunst für die europäischen Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts einen schöpferischen Prozess in Gang gebracht habe, der ihnen neue künstlerische Gestaltungsformen ermöglichte und einen wesentlichen Faktor für die Hervorbringung der Moderne darstellte.

„Die japanische Kunst nahm damals die Rolle des Befreiers und des Helfers ein.“ Mae sieht auch in der gegenwärtigen weltweiten Beliebtheit japanischen Populärkultur wie Anime, Manga und Cosplay ein solches Potential zum „Katalysator“: „Diese Werke der Popkultur können eine subversive und emanzipatorische Wirkung entfalten.“ Dennoch zeige sich in der aktuellen Medienberichterstattung zur Dreifachkatastrophe in Japan, dass das deutsch-japanische Verhältnis immer noch von Topoi der Fremdheit bestimmt sei. So sei von den „stoischen Japanern“ die Rede und es kämen Erklärungsversuche auf, die vom Ehrenkodex der Samurai bis zu den Kamikaze-Fliegern reiche. „Das liegt daran, dass wir Kulturen immer noch als Nationen denken, als geschlossene Einheiten“, erklärte Mae. Die Professorin plädierte daher für ein Verständnis von Kultur als ein sich öffnender lebendiger Prozess, was unter dem Begriff der „Transkulturalität“ gefasst werden kann.

Susan Napier, die eigens von der Tufts University (Boston) angereist war, unternahm in ihrem Vortrag eine kritische Neuansicht des Orientalismus-Konzeptes von Edward Said. Ihrer Meinung nach reicht es nicht aus, die Beziehung zwischen Japan und dem Westen nur unter den Vorzeichen von Dominanz und Macht zu betrachten. Als Kategorien der Betrachtung schlägt sie vor: Power, Pleasure, Play, Liberation, Compensation und Critique. Die Vielfalt der Japan-Rezeption, die Napier in ihrem Vortrag sehr anschaulich darstellte, reichte von den französischen Impressionisten über den Film „Rising Sun“ (Philip Kaufman, 1993) bis zu den Einflüssen von Miyazakis Anime auf die Pixar-Filme.

Wie sich die Idee von dem „typisch japanischen Garten“ im Westen entwickelte, zeigte Christian Tagsold vom Institut für Modernes Japan auf. Die ersten japanischen Gärten Europas waren im 19. Jahrhundert auf den Weltausstellungen zu sehen. „Damals gab es noch keinen Wissenskanon zu japanischen Gärten“, erklärte Tagsold. So hätten beide Seiten – der Westen, aber auch Japan selbst – die Idee von einem japanischen Garten erst noch formulieren müssen. Eine Möglichkeit, vermeintliche Authentizität zu schaffen, war der Einsatz von japanischen Gartenbaumeistern. Als in Düsseldorf 1904 zur internationalen Kunst- und Gartenbauausstellung der erste japanische Garten Deutschlands auf dem heutigen Tonhallengelände angelegt wurde, war der Baumeister allerdings ein Deutscher, der Gartenarchitekt Reinhold Hoemann. Nach Eigenaussage der Macher entstand der Garten dennoch „streng nach japanischem Vorbild“: Eine Foto des Fukiage-Parks in Tokyo diente als Vorlage. Dies zeigt, welche große Bedeutung die Fotografie schon um die Jahrhundertwende für das Japan-Bild im Westen erlangt hatte.

Welche Kompositionsprinzipien deutsche Künstler aus der japanischen Kunst übernahmen erläuterte Claudia Delank, die in Köln eine Galerie unterhält und an der Kunstakademie Düsseldorfs als Lehrbeauftragte tätig ist. Sie konzentrierte sich dabei vor allem auf die Künstler des „Jungen Rheinlandes“, einer Künstlervereinigung, die 1919 in Düsseldorf gegründet wurde. Zu der Gruppe gehörte unter anderem August Macke, der schon 1905 Interesse an japanischer Kunst entwickelt hatte, zunächst Manga von Hokusai abzeichnete und dann Prinzipien wie die Betonung von Körperumrissen mit schwarzen Linien in sein eigenes künstlerisches Schaffen integrierte. Weitere Mitglieder der Vereinigung, die sich von Japan inspirieren ließen, waren Georg Oeder, Heinrich Nauen, Walter Ophey und Otto Pankok. „Die Maler des rheinischen Expressionismus gewannen durch die Anregungen aus der japanischen Kunst eine neue Sehweise“, erläuterte Delank. Es sei nicht mehr Ziel gewesen, ein illusionistisches Abbild zu schaffen, sondern stattdessen das Wesen der Dinge zu erkennen und in eine eigene Formensprache zu übersetzen.

Ausgangspunkt des Vortrages von Stephan Köhn von der Japanologie Erlangen war eine Verschärfung der Zensur populärkultureller Produkte, die letztes Jahr, unter anderem auf Initiative des Gouverneurs von Tokyo, Ishihara Shintarô, in Japan eingeführt wurde. Durch diese Zensurverschärfung, die vor allem auf mögliche kinderpornographische Elemente abzielt, könnte es massive Probleme zum Beispiel für Manga aus dem sogenannten „Boys'-Love“-Genre geben, deren Thema homoerotische Beziehungen zwischen Knaben bzw. männlichen Jugendlichen sind. Boys'-Love-Manga werden vor allem von Frauen konsumiert, die in der Partnerschaft zweier Jungen die ultimative Liebesbeziehung sehen. Eine Politisierung japanischer Populärkultur findet aber nicht nur im Bereich der Zensur statt. Wie Stephan Köhn aufzeigte, stellen teilweise die gleichen Akteure Manga und Anime in den Dienst eines „Kulturnationalismus light“, der Japans „Pop-Power“ als wichtiges Exportgut sieht. Subkulturelle Gruppen wie die Otaku – Menschen, die sich durch extremen Konsum populärkultureller Medienprodukte auszeichnen – werden so einerseits als eine Art „Kulturbotschafter“ ins Licht der Öffentlichkeit gedrängt und staatlicherseits vereinnahmt, andererseits werdem die Produkte, die sie konsumieren, sehr kritisch beäugt und der Zensur anheimgestellt.

„Nach cool Japan“ war das Thema von Steffi Richters Vortrag, der sich auch stark auf die aktuellen Ereignisse in Japan bezog und problematisierte, welche Auswirkungen die Dreifachkatastrophe haben wird – auf die Gesellschaft insgesamt, aber auch auf die Populärkultur. Unmittelbar spürbare kleine Indizien waren zum Beispiel, dass einige Computerspiele mit Katastrophen- oder Atomthemen, die in Japan kurz vor der Veröffentlichung standen, gestoppt wurden. Der Kulturkritiker Azuma Hiroki, der für seine Untersuchungen des Otaku-Phänomens bekannt ist und sonst keinesfalls nationalistische Tendenzen erkennen lässt, äußerte in der New York Times Bewunderung für den Zusammenhalt der japanischen Nation und nutzte dabei eine Popkultur-Vokabel: „the Japanese people seem to have completely transformed their kyara.“ Ôtsuka Eiji, ein Autor und Kulturkritiker, der sich ebenfalls sehr stark mit Popkultur auseinandersetzt und in einem seiner neuesten Werke die „Cool Japan“-Kampagne als „Irrläufer der Ökonomie in Krisenzeiten“ bezeichnet, hat sich bisher nicht zur Katastrophe in Japan geäußert. Steffi Richter stellte jedoch einen Text von ihm vor, in dem er sich bereits 1988 mit der Anti-Atombewegung in Japan auseinandersetzte. Ôtsuka betrachtete die Bewegung damals als Mode-Welle, der das Bewusstsein dafür fehlte, dass wir selbst den radiokativen Müll als Schmutz der Stadt hervorbringen. „Ôtsuka hat einen sehr scharfen Blick für Systemfragen“, stellte Richter fest. „Er zeigt hier ganz klar unser Involviertsein auf.“


„Leben, Sterben und Menschenwürde“

Schloss Mickeln

Deutsch-Japanischer Workshop, 3.–5. März 2011 im Schloss Mickeln

Der Workshop „Leben, Sterben und Menschenwürde“ wurde in Zusammenarbeit zwischen der japanischen Forschergruppe „Thematisierung der Menschenwürde in der deutschsprachigen angewandten Ethik“ (Sprecher: Prof. Yasushi Katô), dem Lehrstuhl Praktische Philosophie (Prof. Dr. Dieter Birnbacher) sowie dem Lehrstuhl für Modernes Japan II (Prof. Dr. Shingo Shimada) veranstaltet, mit finanzieller Unterstützung der Ostasienstiftung und der Gesellschaft der Freunden und Förderern der Heinrich-Heine-Universität.

Im ersten Themenblock „Menschenwürde und kulturelle Differenz“ führte Prof. Jun Matsuda (Shizuoka Universität) in das Verhältnis zwischen Menschenwürde und traditioneller japanischer Lebensanschauung ein, während Dr. Tatsuya Yamazaki (Sôka Universität) sich in seinem Vortrag mit dem Begriff der Menschenwürde im europäischen Mittelalter beschäftigte. Anschließend näherte sich Dr. Minou B. Friele (Universität Bonn) dem Thema von der interkulturellen Diskussion zu individual- und community-consent und ging in ihrem Beitrag der Frage nach, ob eine Kombination beider Ansätze ethisch akzeptabel sei.
Mit einem Schwerpunkt zur Embryonenforschung in Japan wendete sich der Workshop am zweiten Tag der Menschenwürde in bioethischen Diskursen zu: Dr. Michitaro Kobayashi (Osaka Medical College), Yasukiyo Saitô (Aichi University of Education), Dr. Nobuaki Iwasa (Aichi Prefectural Universität) und Prof. Dr. Taiju Okochi (Hitotsubashi Universität) setzten sich in ihrem Vortrag mit den japanischen Richtlinien zur Forschung mit embryonalen Stammzellen in Japan und ihrem sozialen Hintergrund auseinander. Prof. Dr. Raji C. Steineck (Universität Zürich) führte die Diskussion weiter und stellte zwei unterschiedliche Konzepte des Menschenwürdebegriffs vor, die sich in der Embryonendebatte hinter dem Begriff verbergen.
Dr. Takeshi Nakazawa (Waseda Universität) leitete sodann mit einem Vortrag zur Wortgeschichte von songen-shi (würdevolles Sterben) über zum Themenbereich der Menschenwürde am Lebensende. Celia Spoden (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) verdeutlichte im Anschluss an zwei Fallbeispielen aus Japan unterschiedliche Formen der selbstbestimmten Entscheidungsfindung am Lebensende. In ihrem Vortrag zu Tada Tomio’s „The Well of Avidya (Ignorance)“ wählte Professor Dr. Keiko Matsui Gibson (Kanda University of International Studies) eine literarische Perspektive auf bioethische Fragen zum Lebensende und leitete zum letzten Themenschwerpunkt, Hirntod und Organtransplantation über. Hier sprach Professor Dr. Haruki Aoyama (Kanda University of International Studies) aus rechtsphilosophischer, phänomenologischer Sicht über das Leben im Recht und Prof. Dr. Dieter Birnbacher (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) stellte seine pragmatische Begründung des Hirntodkriteriums vor.


„Gender und japanische Populärkultur“

In Kleingruppen wurde eifrig über die Beziehung von Populärkultur und Gender diskutiert

17. Gender-Workshop, 25.–26. November 2010, Frankfurt am Main

Der Gender-Workshop „Geschlechterforschung zu Japan“ – der mittlerweile zum 17. Mal stattfand – behandelte das aktuelle Thema „Gender und japanische Populärkultur“ und wurde von Prof. Dr. Dr. h.c. Michiko Mae (Universität Düsseldorf) gemeinsam mit Dr. des. Julia Siep (Universität Düsseldorf) und Dr. Ina Hein (Universität Wien) durchgeführt. In fünf Vorträgen wurde das Thema aus kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet.

Nach einer kurzen Begrüßung und einer Vorstellungsrunde aller Teilnehmer/innen leitete Michiko Mae mit ihrem Vortrag „Revolution der Genderkonzeption in der japanischen Populärkultur?“ in die Thematik ein.

Die zentrale Frage lautete: Haben neue Genderkonzepte in der japanischen Populärkultur einen Wandel in der realen Gesellschaft gebracht oder haben sie nur eine Parallelwelt hervorgebracht? Weil Produkte der Populärkultur, in denen durchaus neue Gendermodelle dargestellt werden, von den älteren Generationen kaum wahrgenommen werden, scheint sich die Parallelwelt-These zunächst zu bestätigen, dass diese neuen Gendermodelle nur in der populärkulturellen Welt der jüngeren Generationen existieren. Dennoch werden solche neuen Lebensmodelle auch in der gesellschaftlichen Realität von nicht wenigen Otaku und Fujoshi (weibliche Fans von sogenannten boys’-love-Manga) auf ihre Weise gelebt. Anhand zahlreicher Beispielen aus verschiedenen populärkulturellen Bereichen (shôjo manga, anime, otaku/fujoshi etc.) warf der Vortrag viele aktuelle Fragen auf und gab Denkanstöße, die den ganzen Workshop über immer wieder aufgegriffen wurden.

Ina Hein und Julia Siep knüpften mit einer Diskussionsrunde an den einleitenden Vortrag an. Die Seminarteilnehmer/innen besprachen in Kleingruppen anhand einiger ausgewählter Zitate aus der Populärkulturforschung die vier Themenbereiche „Populärkultur und Intersektionalität“, „Populärkultur – Progessivität vs. Konservatismus?“, „Populärkultur, Repräsentation und Macht“ sowie „Populärkultur – Hybridität/Queerness vs. neue Grenzziehungen?“. Unter anderem wurde die Beziehung von Konsum und Populärkultur problematisiert: Werden populärkulturelle Medien bloß rezipiert, oder gibt es eine aktive Auseinandersetzung, die auch gesellschaftlichen Wandel anstoßen kann? Wer hat die Macht, neue Diskurse zu definieren, und kann man überhaupt erwarten, dass Massenprodukte alternative Perspektiven aufwerfen? Die wichtigsten Ideen und Ergebnisse wurden mithilfe eines Flipcharts präsentiert und dienten als Erwartungshorizont, Leitfragen und Orientierungspunkte für den Workshop.

Den Tagesabschluss bildete der Vortrag „Geschlechtersegregation am Spieltisch, Transgender im Geist? – Nicht-digitales Rollenspiel in Japan“ von Björn-Ole Kamm (Universität Leipzig). Auf der Grundlage von Interviews, die er in Japan durchgeführt hat, konnte Kamm die Probleme aufzeigen, denen weibliche Spieler auf Conventions begegnen, aber auch die Problematik in der Darstellung weiblicher Charaktere durch männliche Spieler. Es ließ sich das Fazit ziehen, dass es zwar gängige Praxis ist, dass Männer in nicht-digitalen Rollenspielen Frauenfiguren verkörpern und umgekehrt, dass damit aber dennoch die bestehende Geschlechterordnung nicht unterlaufen, sondern im Gegenteil durch die konventionellen Gendervorstellungen der Spieler eher gefestigt wird.

Der zweite Tag des Workshops begann mit der Präsentation von Johanna Mauermann (Universität Frankfurt), die sich mit der „Weiblichen Identitätssuche in japanischen Handyromanen“ beschäftigte. Anhand verschiedener Beispiele erläuterte sie, dass Handyromane auf die Bedürfnisse junger Frauen zugeschnitten werden und dabei ein konventionelles Frauenbild zeichnen. Die weiblichen Protagonistinnen finden ihr Glück nur in der großen Liebe und sind bereit, dafür alles zu opfern. Ein Ergebnis lautete, dass diese regressiven Tendenzen eine Reaktion auf die Verwischung der Geschlechtergrenzen in der Populärkultur zu sein scheinen.

Christian Weisgerber (Universität Trier) thematisierte in seinem Vortrag „Der weinende Mann in der Momotarô-Fabula – Eine Konstante und ein neues Element“ exemplarisch an den shônen-Werken One Piece und Naruto das Motiv weinender Männlichkeit. Ausgangspunkt ist die Figur Momotarô, die sowohl als Modell für die hegemoniale Männlichkeitsnorm des „Betriebskriegers“ steht als auch als Prototyp für populäre shônen-Werke gelten kann. Weisgerber ging der Frage nach, was passiert, wenn männliche Figuren weinen und welche Auswirkungen dies auf Männlichkeit im heutigen Japan hat.

In dem abschließenden Vortrag „Boys’ Love in Japanese Shôjo Manga; its Historical Background and the Modern Transformation“ von Saeki Junko (Dôshisha Daigaku, Kyôto) ging es um die Darstellung der Liebe zwischen Jungen und jungen schönen Männern in Manga, deren Zielpublikum Mädchen und junge Frauen sind (boys’ love Manga). Frau Saeki gab einen umfassenden Überblick über die historische Entwicklung dieses Genres und diskutierte dann mögliche Gründe für die Beliebtheit des Motivs der Boys’ Love.

Der Workshop endete mit einer Abschlussdiskussion, in der die gewonnenen Erkenntnisse reflektiert und auf die eingangs gemeinsam formulierten Leitfragen zurückbezogen wurden.


„Zwischen Transkulturalität und Japanizität – Repräsentationen kultureller Differenzen und Diversität in der gegenwärtigen japanischen Populärkultur“

Spannende Vorträge gab es von: Hilaria Gössmann, Stephan Köhn, Steffi Richter und Marco Pellitteri


Workshop, 18. Juni 2010, Heinrich-Heine-Saal

Hip-Hop-Nationalisten in Baggypants, phantastische Anime-Welten und „Spaghetti-Manga“ – ein Workshop des Instituts für Modernes Japan Düsseldorf am Freitag, 18. Juni, im Heinrich-Heine-Saal verdeutlichte, in welch großem Spektrum „zwischen Transkulturalität und Japanizität“ japanische Populärkultur angesiedelt sein kann. Studierende und Gäste aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen diskutierten gemeinsam mit vier ReferentInnen über aktuelle Tendenzen in den populärkulturellen Medien Japans und in deren Rezeption im Ausland.  

Die gesellschaftliche Bedeutung von japanischen Fernsehserien (terebi dorama) wurde in dem Vortrag von Hilaria Gössmann, Japanologie-Professorin aus Trier, deutlich. Sie behandelte Repräsentationen kultureller Differenzen in japanischen Fernsehdramen seit den 1990er Jahren und gab einen Überblick über die dramaturgische Funktion, die Figuren aus anderen asiatischen Ländern (v.a. China, Korea, Vietnam) in terebi dorama haben können. In der Serie Doku (Fuji TV, 1996) zum Beispiel ist die vietnamesische Hauptfigur eine Art „Retter“ für die japanische Protagonistin Yuki, die ein lethargisches Leben als Büroangestellte führt. Insgesamt lässt sich laut Gössmann feststellen, dass Japan in den terebi dorama eher für Modernität, Individualismus und Orientierungslosigkeit steht, während andere asiatische Länder Traditionalität, Familienorientierung und Tatkraft repräsentieren. Inzwischen ließen sich aber auch schon Ansätze zu einer Überwindung dieser Dichotomie zwischen Japan und Asien finden, erläuterte Gössmann. Ob man bei den Veränderungen der Darstellung asiatischer Figuren im terebi dorama seit 1990 tatsächlich von einer „Entwicklung“ sprechen kann, wurde von den TeilnehmerInnen des Workshops kontrovers diskutiert.

Stephan Köhn von der Universität Erlangen, der derzeit eine Vertretungsprofessur am Seminar für Japanologie Tübingen innehat, kennen die Düsseldorfer Studierenden vor allem durch seine Arbeiten zu Manga und Traditionen visuellen Erzählens in Japan. In seinem Vortrag beschäftigte er sich mit der „Transkulturalität“ der Animationsfilme Miyazaki Hayaos und machte sich dazu auf eine „Spurensuche“ in der Rezeption des Werkes Sen to Chihiro no kamikakushi in der westlichen Presse. Wie Köhn herausstellte, setzten sich bei der Rezeption automatische kulturelle Zuschreibungsverfahren in Gang, die das Werk mit der Nationalität des Regisseurs in Zusammenhang brachten. Während in Japan aufgrund der hohen Bekanntheit des Regisseurs und ausgiebig vorhandener „Sekundärtexte“ in Form von PR-Kampagnen ziemlich klar gewesen sei, wie Sen to Chihiro zu verstehen ist, sei die westliche Rezeption sehr unterschiedlich ausgefallen. Dabei spielte eine große Rolle, dass Animationsfilme im Westen einen völlig anderen kulturellen Stellenwert einnehmen als in Japan, wo das Medium nicht auf eine bestimmte Zielgruppe beschränkt ist und von Erwachsenen ebenso konsumiert wird wie von Kindern. Stephan Köhn plädierte deshalb dafür, bei der Untersuchung von Phänomenen wie Sen to Chihiro no kamikakushi immer die kulturelle Verortung des Mediums/Genres und die Produktionsabsichten zu berücksichtigen. In der anschließenden Diskussion wies Stephan Köhn darauf hin, dass in letzter Zeit in der Wissenschaft mit Begriffen wie „Transkulturalität“ oder „Hybridität“ sehr inflationär umgegangen werde.

Steffi Richter, Japanologie-Professorin an der Universität Leipzig, ist allen bekannt, die sich mit japanischer Populärkultur auseinandersetzen, insbesondere über zwei Werke, die sie gemeinsam mit Jaqueline Berndt herausgegeben hat: Reading Manga und das Japan-Lesebuch zum Thema J-Culture.
In J-Culture schreibt Steffi Richter in einem Aufsatz über die Verwobenheit der zurzeit viel zitierten „Cool Japan“-Kampagne mit nationalkonservativen Diskursen, zu denen zum Beispiel Abe Shinzôs Buch und Kampagne Utsukushii kuni e („Unterwegs in ein schönes Land“) gehört. Sie zeigt auf, dass japanische Populärkultur, deren weltweiten Erfolg Iwabuchi Kôichi damit erklärt, dass sie „kulturell geruchlos“ sei, durchaus auch zum Instrument einer nationalistisch ausgerichteten Kulturpolitik werden kann.

Diese Tendenz war auch Thema ihres Vortrages unter dem Titel „Zwischen ,cool‘ und ,beautiful‘: Trans/Nationalisierung von J-Culture“. Anhand der Hip-Hop-Gruppe Arei Raise, die in enger Verbindung zum Yasukuni-Schrein steht, zeigte Richter, dass eindeutige Allianzen zwischen Herrschaftsdiskursen und populärkulturellen Akteuren bestehen können. Bei der Analyse von Phänomenen wie Arei Raise, aber auch Anime, dorama, Filme usw. sei es wichtig, nicht nur eine reine Inhaltsanalyse vorzunehmen, sondern auch die performative Seite zu berücksichtigen. Bei Arei Raise bedeute das konkret, neben den Liedtexten z.B. auch die medialen Besonderheiten des Musikvideos, das Outfit der Rapper und deren sozialen Hintergrund zu berücksichtigen. Wichtig war es Steffi Richter in der anschließenden Diskussion auch zu betonen, dass für die wissenschaftliche Beschäftigung mit japanischer Populärkultur ein transnationaler Erklärungsansatz nötig sei. Die Japanologie-Studierenden lebten das als „Pop-Cosmopolitans“ vor, so Steffi Richter.

Von Marco Pellitteri, Soziologe von der Universität Trient, ist gerade ein sehr ausführliches Werk zur Rolle japanischer Populärkultur im europäischen Kontext erschienen: The Dragon and the Dazzle. Models, Strategies, and Identities of Japanese Imagination. Beim Workshop berichtete er darüber, wie Anime und Manga in Italien historisch und gegenwärtig rezipiert werden – ein interessantes Thema, wenn man bedenkt, dass in Italien ein umfassendes Angebot an japanischer Populärkultur schon früher verfügbar war als in Deutschland. Matsumoto Reijis Galaxy Express 999 zum Beispiel wurde von 1978 bis 1981 in Japan produziert und erschien bereits 1982 im italienischen Fernsehen, während es deutsche Fernsehzuschauer niemals zu sehen bekamen. 

In Anlehnung an Kiyomitsu Yuki unterteilt Pellitteri die Aufnahme von Anime und Manga in Italien in vier (sich teilweise überschneidende) Phasen: 1975 bis 1990 wurden sehr viele TV-Anime-Serien gesendet und es entwickelte sich – auch wenn dies von den japanischen Produzenten so niemals beabsichtigt gewesen war – bei den italienischen Zuschauern ein gewisser „ästhetischer Sinn“ für diese Produkte. 1978 bis 1986 wurde das Genre Manga „entdeckt“, und vor allem Jugendliche machten sich mit diesem Medium vertraut. Zwischen 1989 und 1999 macht Pellitteri eine Phase der systematischen Publikation von Manga aus, in der das Anime-Publikum sowohl zu Manga-Lesern als auch zu Manga-Verlegern wurde. Seit 2000 erkennt der Soziologe eine Phase der „interiorization“ und „hybridization“, was sich in Italien unter anderem im Erscheinen sogenannter „Spaghetti-Manga“ – Comics von italienischen Zeichnern im Manga-Stil – zeige.

Die rege Abschlussdiskussion wurde von den TeilnehmerInnen des Workshops auch beim gemeinsamen Abendessen fortgeführt und es herrschte allgemeiner Konsens darüber, dass solche Gelegenheiten zu fruchtbarem Austausch häufiger sein sollten. Michiko Mae und Annette Schad-Seifert planen daher eine regelmäßige Fortführung dieser Arbeitstreffen zur japanischen Populärkultur.


„Zur gesellschaftlichen Relevanz des unternehmerischen Handelns. Unternehmensethik in Japan und Deutschland”

Workshop, 11. bis 13. März 2010, Schloss Mickeln

Wie andere „Bindestrich-Ethiken“ entstand auch die Unternehmensethik aus der Krisenerfahrung, leitete Prof. Dr. Dieter Birnbacher als Mitveranstalter des Workshops seinen Vortrag ein. Aus philosophischer Sicht skizzierte er die Entwicklung der Beschäftigung mit Unternehmens-ethischen Fragen und eröffnete – nach den Grußworten des Prodekans der Philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Bruno Bleckmann, und den begrüßenden Worten von Prof. Dr. Shingo Shimada – die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Thematik des Workshops.

Gerade durch die Finanzkrise 2008/09 wurde die Abhängigkeit der unterschiedlichsten Wirtschaftseinheiten voneinander spürbarer denn je und die Relevanz einer interdisziplinären Beschäftigung mit Unternehmens-ethischen Fragen erfuhr erneute Aktualität. Vor diesem Hintergrund veranstalteten der Lehrstuhl für praktische Philosophie (Prof. Dr. Birnbacher) und der Lehrstuhl für Modernes Japan mit sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt (Prof. Dr. Shimada) der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in Zusammenarbeit mit der Japanisch-Deutschen Gesellschaft für angewandte Ethik (Sprecher: Prof. Dr. Yasushi Kato von der Nanzan Universität in Nagoya/Japan) vom 11. bis zum 13 März im Tagungshaus der Heinrich-Heine-Universität Schloss Mickeln den Workshop „Zur gesellschaftlichen Relevanz des unternehmerischen Handelns. Unternehmensethik in Japan und Deutschland“. Die Vorträge und Diskussionen näherten sich dem Thema aus verschiedenen Perspektiven, bei denen sowohl die interdisziplinäre als auch die interkulturelle Sicht eine wichtige Rolle spielten.

Prof. Dr. Gerd Rainer Wagner von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität knüpfte in seinem Vortrag an die einleitenden Worte von Prof. Dr. Birnbacher an. In seinem Überblick über die aktuelle Forschung zur Unternehmensethik in den Wirtschaftswissenschaften im deutschsprachigen Raum erläuterte er die Rolle von Unternehmensethik beim frühzeitigen Erkennen von Krisenpotentialen und plädoyierte für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Einen ganz anderen Zugang zum Thema wählte der Philosoph Dr. Nobuaki Iwasa aus Nagoya: Er argumentierte in seinem Vortrag, dass im Gegensatz zum Westen in japanischen Betrieben Sympathie (kyôkan) als motivierende Grundlage für unternehmensethisches Handeln betrachtet werde.

Die lebendig geführte Diskussion auf Deutsch, Japanisch und Englisch wurde am zweiten Tag des Workshops im Panel „Work-Life-Balance als ethische Aufgabe?“ fortgeführt. Dr. Takeshi Nakazawa (Waseda Universität Tokyo) referierte zur Zeitpolitik japanischer Unternehmen und stellte aktuelle Umfragen zu Arbeitsbedingungen und Präferenzen japanischer Arbeitnehmer vor, um der Frage nach der Konzeption von Work-Life-Balance aus japanischer Sicht nachzugehen. Daran anschließend stellte Prof. Dr. Annette Schad-Seifert (Institut für Modernes Japan an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) unterschiedliche politische Ansätze zur Realisation von Work-Life-Balance in Japan und Deutschland einander gegenüber und eröffnete den internationalen Vergleich. 

Im Themenschwerpunkt „Inter- und Multikulturalität in Unternehmen“ sprach Prof. Dr. Alois Moosmüller (Ludwig-Maximilians-Universität München) über Erkenntnisse zur kulturellen Diversität in multikulturellen Unternehmen aus seiner Feldforschung und bereicherte den Workshop durch eine ethnologische Sichtweise zu Verantwortlichkeit in Unternehmen. Anschließend diskutierte Dr. Minou B. Friele (Philosophisches Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) anhand verschiedener philosophischer Konzeptionen das Spannungsverhältnis von Korruption und Loyalität, mit dem sich Angestellte konfrontiert sehen können, wenn sie mit anderen Unternehmen kooperieren, die sie als „moralisch Fremde“ empfinden. 

Die Thematik der Krise zog sich durch alle drei Tage des Workshops und wurde immer wieder in der Diskussion aufgegriffen. Besonders deutlich wurde dies im abschließenden Themenblock „ Corporate Social Responsibility (CSR)“. Dr. Michitaro Kobayashi (Nanzan Universität Nagoya) behandelte die Frage, ob und wieweit CSR die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen verstärke. Die konkreten Auswirkungen der Finanzkrise auf CSR-Strategien von Unternehmen in Japan und Deutschland wurden von Uwe Holtschneider (Doktorand an der Universität Duisburg-Essen) in seinem Beitrag dargestellt und diskutiert.

Im Gegensatz zu wirtschaftlich schwachen Ländern – die mit ganz anderen Problemen konfrontiert sind – kann in Industriegesellschaften ein erhöhtes moralisches Bewusstsein auf der Konsumentenseite festgestellt werden. Das Beispiel CSR zeigt, wie Ethik als Wettbewerbsstrategie für Unternehmen sowohl in Japan als auch in Deutschland relevant geworden ist. Durch die Vorträge und Diskussionen wurde deutlich, dass die japanische und deutsche Gesellschaft heute auf einer globalen wirtschaftlichen Ebene mit ähnlichen (Unternehmens-)ethischen Problemen konfrontiert sind. Betrachtet man jedoch die Auseinandersetzung mit unternehmensethischen Fragestellungen in beiden Ländern, so lassen sich voneinander verschiedene Vorgehensweisen ausfindig machen, die durch die unterschiedlichen Modernisierungsprozesse begründet sind. Diese Erkenntnis bereitet einerseits die Möglichkeit zu einem besseren beidseitigen Verständnis und birgt auf der anderen Seite die Chance, voneinander zu lernen, bzw. miteinander neue Ideen und Strategien zur Bewältigung von Krisen zu entwickeln.


„Japan-Pop-Workshop“

Johanna Mauermann war eine der Vortragenden

HHU Düsseldorf, 29. Januar 2010

Handyromane, Boys‘-Love-Manga, Visual Kei und „Cool Japan“ – ein breites Angebot an Themen stand auf dem Programm des Japan-Pop-Workshops, den das Institut für Modernes Japan am 29. Januar 2010 veranstaltete. Entsprechend groß war auch der Andrang: Mehr als 100 Interessierte kamen im Vortragssaal der Universitätsbibliothek zusammen, darunter auch Studierende aus Trier, Bonn und Frankfurt.

Dem neuen literarischen Phänomen Handyroman (keitai shôsetsu) widmete sich Johanna Mauermann (Universität Frankfurt) in ihrem Vortrag. Etwa seit dem Jahr 2000 verzeichnen in Japan Geschichten, die eigens für das Lesen auf dem Handy verfasst werden, sehr große Erfolge. Im Jahr 2007 waren in Japan auf der Liste der zehn meistverkauften Romane des Jahres fünf Werke vertreten, die ursprünglich als Handyroman erschienen waren.

Johanna Mauermann erläuterte die Entstehungsgeschichte der keitai shôsetsu, stellte einige Beispiele vor und wies auf die Besonderheiten dieses literarischen Genres hin. Ein Handyroman diente zum Beispiel auch als Vorlage für die erfolgreiche Fernsehserie Akai Ito (Fuji TV, 2008/2009).

Marco Höhn (Universität Bremen) thematisierte in seinem Vortrag „Visual Kei – eine populäre Medienkultur (in Deutschland)“ aus medienwissenschaftlicher Perspektive die Visual Kei-Szene. Als Visual Kei wird eine Jugendkulturszene bezeichnet, in der nicht nur die Musik allein (J-Rock, J-Pop) zählt, sondern ebenso sehr die ästhetische Erscheinung der Musikbands sowie die eigene optische Inszenierung. Anhand eines Kreislauf-Modells zeigte Höhn die Prozesse der Produktion, Repräsentation und Aneignung einer Medienkultur auf. Visual Kei lässt sich als deterritoriale Medienkultur charakterisieren, die überwiegend mediengeneriert ist (Internet) und sämtliche Szeneaspekte umfasst. Höhn ging außerdem auf den Bereich Cosplay (Costume Play) ein, der er in einen Kontext mit Visual Kei stellte.

Mit sogenannten fujoshi, „verdorbenen Mädchen“, beschäftigte sich der Vortrag von Björn-Ole Kamm (Universität Leipzig). Als fujoshi bezeichnen sich selbstironisch die Leserinnen männlich-homosexueller Manga und Romane, die als Boys' Love (BL) oder yaoi bekannt sind. Kamm ging es in seiner Forschung darum, sich mit den „verdorbenen“ Mädchen und Frauen selbst zu beschäftigen, statt lediglich – wie dies bei bisherigen Studien meist der Fall war – auf die inhaltliche Ebene der Manga einzugehen und daraus Schlüsse auf die Motive der Leserinnen zu ziehen. Björn-Ole Kamm befragte fujoshi in Japan und Deutschland und kam dabei zu dem Ergebnis, dass es sich bei den Boys‘-Love-Fans um eine sehr heterogene Gruppe handelt. Ältere Forschungen, die pauschal sexuelle Probleme oder Wirklichkeitsflucht als Erklärungen für die Vorlieben der fujoshi anführen, sind damit nach Kamm als pathologisierend und eindimensional einzustufen.

„Cool Japan – coole Japanologie? Der Diskurs um den weltweiten Boom der japanischen Populärkultur“, so lautete der Vortrag von Cosima Wagner (Universität Frankfurt). Darin beschäftigte sie sich mit verschiedenen Themenschneisen und jeweils entsprechenden Forschungsfragen. Als erste Themenschneise charakterisierte sie Japan als Marke sowie den Zusammenhang zwischen Populärkultur und Soft Power. Fan-Studien und die Frage nach einer möglichen gobalen ‚Japanisierung’ der gegenwärtigen (Jugend-) Kultur stellte die zweite Themenschneise dar. Die dritte Themenschneide widmete sich Detailstudien zur japanischen Populärkultur, in denen unterschiedliche Bereiche wie Manga, Anime, Cosplay und Visual Kei aufgegriffen werden. Anhand mehrerer Beispiele zeigte Wagner außerdem auf, wie die japanische Populärkultur bereits Einzug in den Alltag in Deutschland gehalten hat.


„Angewandte Ethik in Deutschland unter der Perspektive des Kulturvergleichs“

Workshop, 18. bis 20. März 2009

Als Auftakt einer Kooperation zu Fragestellungen der angewandten Ethik zwischen dem Germanistischen Seminar der Nanzan Universität in Nagoya (Yasushi Katô), dem Lehrstuhl Modernes Japan II (Shingo Shimada) und dem Lehrstuhl für praktische Philosophie (Dieter Birnbacher) an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, fand ein dreitägiger Workshop in Düsseldorf statt.

Der Philosoph Yasushi Kato von der Nanzan Universität eröffnete den Workshop mit seinem Vortrag zur Armut in der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft (「現代日本社会と貧困」). Anknüpfend an Katos Ausführungen zu einer neuen Solidarität in Japan sprach Shingo Shimada in seinem Vortrag 「>価値<の比較文化論」über die Übersetzung und Implementierung von sozialpolitischen Schlüsselbegriffen wie Solidarität, soziale Gerechtigkeit und Würde im japanischen Kontext. Er ging auf die Bedeutung dieser drei Werte für den japanischen Modernisierungsprozess ein und erläuterte ihren Wandel, indem er auf ihre Verwendung in derzeitigen öffentlichen Diskursen verwies. Um das Konzept der Würde ging es auch im Vortrag von Celia Spoden (「尊厳死とリビング・ウィル」). Sie gab einen Einblick in die Diskussionen zu würdevollem Sterben und Patientenverfügungen in Japan und Deutschland.

Dieter Birnbacher (Lehrstuhl für praktische Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) sprach in seinem Beitrag „Bioethik – auf welcher Basis?“ über die Möglichkeiten universaler Prinzipien. Minou B. Friele (HHU Düsseldorf) verdeutlichte in ihrem Vortrag die Problematik einer globalen Basis für bioethische Fragen durch die Thematik „Rechtsethik der Embryonenforschung“.

Einem ganz anderen Feld der angewandten Ethik wendeten sich Keiko Matsui Gibson von der Kanda University of International Studies und Andreas Riesland von der Nanzan Universität in Nagoya zu. Matsui verglich in ihrem Vortrag („Michael Ende’s Momo and Globalization: A Buddhist Perspective“) die Begriffe „Zeit“ und „Raum“ aus Michael Endes Momo mit der buddhistischen Philosophie Dogens. Im Anschluss verglich Riesland nationale Symboliken der japanischen und deutschen Autowerbung („Nationales Denken in der Produktkommunikation: Ein Vergleich deutscher und japanischer Automobilwerbung“) und schloss seinen bilderreichen Vortrag mit der Frage nach den ethischen Implikationen nationaler Symboliken.

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