Faschismus und Geschlecht: Visuelle Propaganda im Japan der Kriegszeit

Ein von der DFG gefördertes Forschungsprojekt (2018–2021, Nr. 398020202)

Projektmitarbeiter/innen:

 undefinedProf. Dr. Andrea Germer undefinedJasmin Rückert M.A. undefinedLukas Frank M.A.M.Ed.

Diese empirische und theoretische Untersuchung arbeitet geschlechtliche Dimensionen der Ästhetik in der Propaganda japanischer illustrierter Zeitschriften heraus, die während des sogenannten 15-jährigen Krieges (1931–1945) an einheimisches und ausländisches Publikum gerichtet war. Propaganda-Zeitschriften trugen zur Herstellung und Verbreitung faschistischer Vorstellungen und Bilder bei, während sie sich gleichzeitig der transkulturellen modernistischen Ästhetiken der Zeit bedienten. Dieses Projekt zeichnet die geschlechtlichen und transkulturellen Ikonographien photographischer Propaganda-Zeitschriften nach und zeigt Verbindungslinien zu europäischen, sowjetischen und US-amerikanischen Vorbildern und Entsprechungen auf.

Bestehende Arbeiten zu geschlechtlichen und sexualisierten Phantasien europäischer und insbesondere deutscher Faschismen und deren Medialisierung werfen entsprechende Fragen nach Geschlechterkonstruktionen im japanischen Faschismus auf, die in dieser Medienanalyse bearbeitet werden. Die ausgewählten Objekte dieser Untersuchung sind die Auslandszeitschriften NIPPON, FRONT und Manshū Gurafu sowie die im Inland verbreiteten Illustrierten Shashin Shūhō und Hōdō Shashin. Diese hatten hohe Auflagen und enge Verbindungen zur Regierung oder waren Vorreiter moderner Propagandamethoden. Die Analyse konzentriert sich auf die Frage, in welcher Weise visuelle Darstellungen insbesondere von Geschlecht, aber auch von 'Rasse', Ethnizität, Kultur und anderen Kategorien der Differenzierung für das 'Schreiben' eines vielgestaltigen und in Teilen widersprüchlichen faschistischen 'Skripts' genutzt wurden. In Auseinandersetzung mit der Forschung in japanischen und europäischen Geschichtsschreibungen zum Faschismus beschäftigt sich diese qualitative Medienanalyse mit den Beziehungen von a) Faschismus und Moderne und b) Propaganda und Visualität in Japan.

Ziele sind, 1) Medien- und Kommunikationsstrategien der visuellen Propaganda zu identifizieren; 2) geschlechtliche Repräsentationen im Verlauf des eskalierenden Krieges zu fassen; 3) eine intersektionale Diskussion von Theorien zu Faschismus, Rassismus, Visualität und Geschlecht zu entfalten. Das Projekt beinhaltet die Erstellung einer digitalen Datenbank der untersuchten Zeitschriften. Es bietet die Grundlage für zwei Promotionsarbeiten, welche die print mediascape (Appadurai 2008) der japanischen Kriegspropaganda untersuchen. Zudem unternimmt jede Arbeit eine vertiefte Kontextualisierung und Analyse jeweils einer Zeitschrift. Methodisch werden die wichtigsten und wiederkehrenden visuellen Tropen extrahiert und diskutiert. Strategien des Unsichtbarmachens wie etwa die visuelle Abwesenheit des Kaisers werden ebenfalls herausgearbeitet. Kooperationen in diesem Projekt beinhalten Methoden- und Studierenden-Workshops sowie ein Symposium. Kooperationspartner werden eingeladen, zu einem Sammelband 'Gendering Fascism' sowie zu einer öffentlichen Ausstellung zu visueller Propaganda beizutragen.

 

 

 


Genders & Sexualities: East Asia & Europe Network (GSN)

Gefördert von der DFG und der Ostasienstiftung der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf

Projektmitarbeiter/innen:

undefinedProf. Dr. Andrea Germer undefinedDr. Kazuyoshi Kawasaki undefinedAmi Kobayashi M.A.

In verschiedenen Regionen der Welt entwickeln sich gegenwärtig die Queer Studies und eröffnen dabei neue und intersektionale Perspektiven.Vermehrt melden sich in den letzten Jahren Theoretiker*innen in Asien, Afrika oder auch Osteuropa zu Wort und verbinden postkoloniale Theorie in neuer Weise mit ethno-sexuellen und menschenrechtlichen Fragestellungen. „Asia is Burning“, proklamierten 2017 Howard Chiang & Alvin K. Wong, Theoretiker eines „Queer Asia”. Sie stellen die Möglichkeit eines queeren Paradigmas für diese Region vor, das nicht nur Sexualitäten betrifft, sondern auch helfen soll, kategorische nationale und kulturelle Grenzziehungen der Geopolitik infrage zu stellen. Sie stellen damit eine Perspektive vor, aus der jede Region und Gesellschaft sowie ihre Beziehungen untereinander betrachtet und neue, transnationale Facetten beleuchtet werden können. Auch wir in Düsseldorf wollen Fragestellungen, in denen Geschlecht und Sexualität im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stehen, mit einem Blick auf transnationaler Facetten und transkulturelle Dimensionen verbinden.  

Als Auftakt zu solchen neuen Fragestellungen innerhalb der Japanforschung in Düsseldorf organisierte das Team des Lehrstuhls Modernes Japan I (Gender und Kulturwissenschaften)  am 6.und 7. Juli 2018 das Symposium undefined„Queerying Japan“ im Haus der Universität, zu dem wir acht Forscher*innen der Queer Studies aus Japan und ebenso viele Kolleg*innen aus Deutschland, den USA und Australien einluden. Gemeinsame Themen wurden hier vor dem Hintergrund unterschiedlicher politischer Kontexte bearbeitet. Dabei gingen wir in der Konzeption des Symposiums von einem kleinsten gemeinsamen Nenner aus: dass nämlich jedes Individuum mehreren sozialen Gruppen gleichzeitig angehört. Wir fragten: Wie beeinflussen Geschlecht und Sexualität diese sozialen Beziehungen und wie bestimmen sie die Lebenschancen der Menschen? Diese breiten Fragen diskutierten wir im Falle Japans, indem wir das Land durch die Linse von Gender und Queerness und entlang der Schnittstellen von Sozioökonomie, Politik und Kultur betrachteten. Unser Ziel war es, Sexualpolitiken als Strategien und Konzepte zu verstehen, die Bedingungen schaffen, welche die Kreativität, das Wohlergehen oder das Überleben von Menschen fördern oder behindern. Die Wissenschaftler*innen aus Ostasien, Europa, Australien und den USA kamen zusammen, um Lebenschancen queerer Menschen im heutigen Japan zu diskutieren und gleichzeitig transnationale und vergleichende deutsche, europäische und asiatisch-pazifische Perspektiven vorzustellen.

Der undefinedenglische Bericht vermittelt einen Eindruck von den Beiträgen und Diskussionen des öffentlichen Symposiums sowie der vor- und nachgelagerten Vernetzungssitzungen. Beides wurde großzügig durch Mittel der DFG sowie durch die undefinedOstasienstiftung (GFFD), die undefinedHHU Koordinierungsstelle Diversity und das Düsseldorfer LGBTIQ undefinedJugendzentrum PULS gefördert und unterstützt. Ziel der Vernetzungssitzungen und des Symposiums war es auch, ein Netzwerk zu gründen, das nicht auf Japan und Deutschland beschränkt bleibt, sondern queere Themen im größeren, ostasiatischen und europäischen Rahmen verortet und thematisiert. Queer Studies und Studien zu sexuellen Minderheiten im deutschsprachigen Raum sind aus historischen Gründen stark eurozentrisch und wenn international, dann sehr auf das transatlantische Verhältnis und die Rezeption anglophoner Theorien beschränkt. Demgegenüber wollen wir von Deutschland und über Europa hinaus den Blick in Richtung Ostasien lenken und Entwicklungswege und Beziehungen erhellen sowie Dialoge initiieren, die auch zu einem besseren Verständnis Ostasiens und seiner transkulturellen Beziehungen zu Europa beitragen.

Deshalb haben wir uns als Genders & Sexualities: East Asia & Europe Network (GSN) zusammengeschlossen und entschieden, im nächsten Schritt thematische Panels auf folgenden Konferenzen im kommenden Jahr einzureichen: European Conference on Politics & Gender (Amsterdam, 4.–6. Juli 2019) und International Convention of Asia Scholars (Leiden, 16.–19. Juli 2019). Darüber hinaus waren wir 2018 auf dem Deutschsprachigen Japanologentag in Berlin (30. August) mit zwei sehr gut besuchten Panels präsent und haben ein weiteres Panel in Japan an der Universität Kyushu (22. Sept.) organisiert. Somit konnten wir das Thema „Queer Japan“ national und international auf die Agenda setzen. Auch auf dem jährlich stattfindenden Gender-Workshop, der vorgelagert zur Jahrestagung der Vereinigung für Sozialwissenschaftliche Japanforschung (VSJF) in diesem Jahr in Berlin (22. und 23. November 2018) stattfindet, werden wir das Thema einbringen und diskutieren.

Das Symposium „Queerying Japan“ im Juli diesen Jahres hat als Auftaktveranstaltung einen Grundstein für weitere Forschung gelegt, in der ‚queere‘ Fragen über sexuelle und genderbezogenen Aspekte hinausgehend intersektional verhandelt und transnational diskutiert werden. Ausgewählte Vorträge des Symposiums werden als Videos in der undefinedMediathek der Heinrich-Heine-Universität bereitgestellt. 

 

 


Revisiting a National Institution: NHK’s Morning TV Series (asadora) in Transition

E. Scherer, T. Thelen

The series format renzoku terebi shōsetsu (serial television novel), also known as asadora, is regarded as a national institution in Japan. For generations, audiences have tuned into the state broadcaster NHK every morning to follow stories of female heroines that run for over half a year. Watching this series format is thus more than just pure entertainment: it has become a ritual that contributes to the structuring of everyday life and to defining what it means to be Japanese.

The content of asadora is often characterized by traditional values, providing an ideal image of Japanese family life and creating normative concepts of femininity and masculinity. In asadora, Japanese identity is often constructed through the incorporation of great national historical narratives, such as World War II or the reconstruction after defeat. This view of national history from the perspective of women is an important part of the Japanese culture of remembrance. Equally essential for identity construction in asadora, though, is a strong emphasis on the regional—which is used pars pro toto to negotiate national values. 

Due to digitization, advanced recording technology, and a diverse range of programs, it has become more difficult for TV stations to attract large audiences, and the concept of a ‘national’ audience has become questionable. At the same time, popular TV formats like asadora are widely discussed on social media, and their audiences actively participate in expanding the narrative world of these TV series. In addition, since the mid-2000s, the phenomenon of media-induced tourism has increasingly been discussed in research in Japan. In Japan, this kind of tourism already started with the early asadora of the 1960s, but recently local communities have been getting more and more involved in the production process and the marketing of media content. Some media producers also choose certain regions as locations for development or for charity reasons, as has been the case with the popular morning drama Amachan (2013), set in Tohoku after the Triple Disaster of 2011.

Despite its wide presence in Japanese culture and a notable reception throughout Asia, the asadora is a subject that is rarely dealt with in academia—particularly in English publications. This research project aims to shed light on the characteristics of this series format and on its implications for identity construction in Japan. 

Publications: 

 

 


The Risks and Opportunities of the “Solo-Society”
(Re)Locating Intimacy – Spatial Perspectives on Personal Relationships in Contemporary Japan

Nora Kottmann

As in all post-industrial societies, the structure of personal relationships in Japan has undergone fundamental changes: increasing numbers of young people are marrying later on in life or not at all; increasingly more people of all age groups are (permanently or temporarily) living alone. Studies in the Japanese context have begun to speak of an “era of permanent singles” (Nagata 2017) or the development of a “Hyper-Solo-Society” (Arakawa 2017). While the changes in marriage behaviors over the past decades have been extensively examined, the relationship worlds of people who are single, divorced, or live alone have received almost no discrete attention. Rather, these people are described in public discourse as being increasingly “tired of relationships” and abstaining from intimate relationships (Ushikubo 2015), while the development of a society without ties (muen shakai) has been discussed on the level of society as a whole. Although the few existing statistical studies seem to confirm this trend, initial qualitative studies have shown that individual relationship worlds are characterized by diversity, and as such they require more thorough investigation with respect to an increasingly uncertain future.

Against this backdrop, the present study will follow two goals: As a result of several contextual specifics—gender segregated workplaces, job-related multi-locality, high demands for mobility, young adults staying in their family home, spatial density—the question arises about which spaces at all are available for living (and experiencing) intimate practices as well as which spaces are possibly being “newly” created. Secondly, these considerations will enable more nuanced and systematic insights into the individual relationship worlds (also: relationshiplessness) of people who are single, divorced, or live alone, thus moving beyond the dichotomy between “(still) single (and alone)” and “married” which continues to dominate the existing research. In this way, the study will examine to what extent these “relationship spaces” in the sense of “new bases for existence” (Muta 2009) can and, perhaps, must take over the functions of the classical nuclear family against the backdrop of contemporary social upheavals and the subsequent sociopolitical challenges. In brief, complex correlations and possible reciprocal relationships between “intimacy” and “space” will be developed while addressing questions surrounding the issues of belonging, solidarity, and social transformation in contemporary Japan. 

In order to examine these themes, the present research proposal draws on methods from the sociology of space and subject oriented sociology. Alongside the concepts of practices of intimacy (Jamieson 2011) and doing family (Jurczyk et al. 2014) from the field of family sociology, spatial-sociological concepts (Löw 2000; Massey 2005; Weidenhaus 2015) will prove to be especially relevant. The study is principally qualitative (expert interviews, partly standardized individual interviews, participant observation). In the second stage, however, a mixed method approach will be applied through conducting a survey (descriptive statistics) as well as using and evaluating existing (international) datasets in order to ensure adequate contextualization and systematization of the data.

The research project will enable connections and opportunities for collaboration within the context of contemporary international thematic research on Japan and East Asia, Japanese and international (family) sociology, consumer research, migration studies, urban sociology, and the sociology of space. 


„Gärten als Verhandlungsräume: Die Kategorisierung von neuen Gärten in Japan zwischen 1880 und 1930 als Frage der nationalen Selbstbeschreibung“

Ein von der undefinedDFG gefördertes Forschungsprojekt (TA 1103/2-1)

Ch. Tagsold, N. Dahl

Der Kyû-Furukawa-Garten in Tokyo

Die Idee des japanischen Gartens ist ein Produkt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch Gärten auf Weltausstellungen und einen sowohl von Europäern und Nordamerikanern als auch Japanern selbst geführten Diskurs über Gärten in Japan entstand im Wechselspiel zwischen diesen westlichen Fremdzuschreibungen und nationaler Selbstrepräsentation die Vorstellung eines nationalen Stils. Als Folge wurde es in Nordamerika und Europa modisch, japanische Gärten anzulegen. Die Idee des japanischen Garten wurde in den 1930er Jahren um das Element "Zen-Buddhismus" als Erklärung der symbolischen Wirkung dieser Räume ergänzt. Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat diesen Prozess der kulturellen Übersetzung zwischen dem Westen und Japan klar herausarbeiten können.

Während also Diskurs und japanische Gärten im Ausland inzwischen gut analysiert worden sind, ist die Entwicklung des Gartendesigns in Japan selbst in diesem Zeitraum deutlich weniger erforscht. Die neu angelegten Gärten speziell zwischen 1890 und 1930 bilden aber das Gegenstück im Übersetzungsprozess - sie sind nicht unabhängig von den bereits erforschten Prozessen entstanden. Vor allem private Gärten reicher Industrieller, Politiker oder Künstler wurden nach neuen Vorstellungen errichtet. Bemerkenswert ist, dass diese Gärten von Gartenwissenschaftlern in Japan lange gar nicht als japanisch anerkannt wurden, sondern bestenfalls als ekklektisch galten. In den letzten Jahrzehnten sind jedoch viele dieser Gärten zu nationalen Denmälern erklärt worden und werden in diesem Zusammenhang inzwischen als klar japanisch kategorisiert.

Das Projekt untersucht an fünf ausgewählten Beispielgärten, wie es dazu kam. Dazu sind die vier Ebenen bedeutsam: 1. Errichtungskontext; 2. frühe Rezeption der Gärten in der (Fach-)Presse; 3. Diskussionen um die Erhaltung in den 1970er Jahren mit der Folge der Aufnahme in Denkmallisten und schließlich 4. die weitere Pflege, Verwendung und Japanisierung der Gärten. So lässt sich zeigen, wann die Kategorisierung als "japanische Gärten" aufkam und wie dieses Argument in die Diskussion eingeführt wurde sowie dort Geltung erlangte. Deutlich wird darüber hinaus die Verbindung zu anderen Diskursfeldern, die für die nationale Selbstbestimmung in Japan zentral sind. Die Fragen der Natur und der besonderen Liebe der Japaner zur Natur spielen hier eine wichtige Rolle. Über die Gärten lässt sich zeigen, dass diese den nihonjinron (Japanertheorien) entlehnte Verwendung von Natur in den Diskussionen um die Gärten erst langsam übernommen wurde und in Konkurrenz zu einem eher durch die westlichen Naturschutzdiskurse beeinflussten Argumentationsmuster steht. Über Archivarbeit und Experteninterviews wird das Projekt diese Entwicklungen nachzeichnen und damit einen Beitrag zur Frage der kulturellen (Rück-)Übersetzung und Bestandteilen der Japanertheorien in praktischen Feldern leisten.


„Bedeutung von Diversity im öffentlichen Diskurs zu politischen Maßnahmen für Familie und Arbeit in Japan“

A. Schad-Seifert, C. Noack, N. Kottmann, S. Osawa, A. Jambor

Der Diskurs um die Bedeutung und Notwendigkeit von Diversität beginnt sich in Japan erst seit kurzem in der Familien- und Arbeitspolitik durchzusetzen. Während in den USA bereits seit Jahren eine intensive Debatte um Diversity Management als Voraussetzung für mehr Produktivität geführt und als kompetitive Ressource von Unternehmen betrachtet wird, scheint sich in Japan aufgrund verschiedener struktureller Eigenheiten dieses Thema eher gering im öffentlichen Diskurs entwickelt zu haben. Dieses wird auf die im Vergleich zu multikulturellen Gesellschaften wie den USA eher ethnisch homogene Zusammensetzung der Bevölkerung und das Fortwirken von geschlechtlich traditionellen Rollenmustern zurückgeführt (Magoshi, Chang 2009: 31). Seit einigen Jahren jedoch wird infolge des demographischen Wandels und der wirtschaftlichen Rezession eine verstärkt nach dem Prinzip der Diversität ausgerichtete Umgestaltung der sozialen Strukturen angemahnt. Dazu zählen in Japan die Öffnung des Arbeitsmarktes für ausländische Arbeitskräfte und die Einführung familienfreundlicher Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Unternehmen. Obwohl Diversity sich im Bereich des Personalmanagements auf verschiedene Differenzkategorien wie Nationalität, Ethnizität, Alter, Geschlecht, geistige und körperlich Behinderung beziehen kann, fokussiert sich in Japan das Thema gegenwärtig verstärkt auf das Spannungsverhältnis zwischen Familie und Arbeit und wird sehr kontrovers diskutiert. So fürchtet die japanische Regierung zwar eine ökonomische Schwächung infolge der schrumpfenden und alternden Arbeitsbevölkerung, möchte aber ohne Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte auskommen. Ziel der amtierenden japanischen Regierung ist vielmehr eine an den Erfordernissen der Wirtschaft ausgelegte verstärkte Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt („Womenomics“) und die flexiblere Gestaltung der Beschäftigung im Sinne einer verbesserten Work-Life-Balance für alle japanischen Arbeitnehmer.
Dabei wird deutlich, dass zum einen mithilfe der Rekrutierung des weiblichen Teils der japanischen Bevölkerung eine Diversity der ethnischen Vielfalt auf dem Arbeitsmarkt vermieden werden soll, andererseits aber in den Unternehmen eine Diversity der Geschlechter empfohlen wird.
Die Politik befindet sich also in einem ambivalenten Prozess der ökonomischen Forderung nach Marktöffnung, Globalisierung und Deregulierung einerseits und konservativer Beharrung auf den Wertekodex der vermeintlich nationalen Einheit Japans andererseits.
Das Projekt untersucht die konkurrierenden Diversity-Diskurse als Wissenspolitiken, die im Bereich der politischen Maßnahmen in verschiedener Weise auf die konkrete Umsetzung im Bereich der Familien- und Arbeitsmarktpolitik einwirken.



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