Demographischer Wandel und soziale Re-Differenzierung als Auslöser für Japans kinderarme Gesellschaft

Annette Schad-Seifert

In der sozialwissenschaftlichen Forschung über das gegenwärtige Japan existierte bis zum Ende der 1990er Jahre das Bild von Japan als klassenloser Gesellschaft, mit nur geringen Unterschieden zwischen Arm und Reich. Die Standardisierung des Lebensstils der Mittelkassen in breite soziale Schichten wird als wesentlicher Faktor dafür gesehen, dass sich ein „allgemeines Mittelschichtbewusstsein“ (sōchūryū ishiki) in der japanischen Nachkriegsgesellschaft ausbreiten konnte. Seit einigen Jahren zeigen sich in Japan wachsende soziale Unterschiede und dieses Phänomen hat einen Diskurs über Japan als kakusa shakai (Differenzgesellschaft) ausgelöst.
Das Projekt beschäftigte sich mit der Frage, ob der demographische Wandel selbst das Verschwinden der Mittelschicht verursacht hat oder ob die neuen Formen der Ungleichheit und des sozialen Abstiegs für eine Veränderung im Heirats- und Reproduktionsverhalten sorgen. Auffällig ist der Verlust an sozialer Sicherheit und beruflicher Qualifikation für die jüngere Generation in Japan. Das Projekt betrachtete vor allem die familienbezogenen politischen Maßnahmen der japanischen Regierung und untersuchte den Zusammenhang zwischen der niedrigen Geburtenrate, den Veränderungen in der Familie und im Generationenverhältnis und der Restrukturierung des Arbeitsmarktes.  

Publikationen zum Projekt:

(2014) Polarisierung der Lebensformen und Single-Gesellschaft in Japan.  In: Malmede, Hans; Kottmann, Nora; Ullmann, Katrin; Osawa, Stephanie (Hg.) Familie, Jugend, Generation - Medienkulturwissenschaftliche und japanwissenschaftliche Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, Springer, S. 15-31.

(2013) „Der Ehemann als Luxusgut“ – Japans Trend zur späten Heirat. In: Gabriele Vogt und Phoebe Holdgrün (Hg.): Modernisierungsprozesse in Japan. Tokyo: Deutsches Institut für Japanstudien / Stiftung D.G.I.A., S. 168-185.

(2010) [Hg. Mit: Shingo Shimada] Demographic Change in Japan and the EU – Comparative Perspectives. Proceedings of the VSJF Annual Conference 2008. Düsseldorf: Düsseldorf University Press. 223 Seiten.

(2008) [Hg. mit: Coulmas, Florian; Conrad, Harald; Vogt, Gabriele] The Demographic Challenge: A Handbook about Japan. Leiden, Boston: Brill. 1199 Seiten.

(2007) Japans Abschied von der Mittelschichtgesellschaft: Auflösung des Familienhaushalts oder Pluralisierung der Lebensformen?. In: Peter Backhaus (Hg.), Japanstudien 19 Familienangelegenheiten. München: Iudicium, 2007, S. 105-128.

(2006) Working Paper 06/4
Coping with Low Fertility? Japan’s Government Measures for a Gender Equal Society. Tokyo: Deutsches Institut für Japanstudien / Stiftung D.G.I.A. 30 p.

(2006) Working Paper 06/1
Japans kinderarme Gesellschaft – Die niedrige Geburtenrate und das Gender-Problem (Japan’s low fertility society – The falling birthrate and the problem of gender). Tokyo: Deutsches Institut für Japanstudien / Stiftung D.G.I.A. 40 p.

 

 

Zengärten zwischen Ost und West

Prof. Dr. Christian Tagsold

Zen-Buddhismus war und ist ein wichtiger Bestandteil der Vorstellung von Japan im Westen. Die Ursprünge dieser Identifizierung liegen im 19. Jahrhundert. Auf der einen Seite mussten sich buddhistische Priester und Intellektuelle gegen den im Zuge der Meiji-Restauration konstruierten Staatsshintôismus behaupten und ihre religiösen Praktiken stärken. Auf der anderen Seite begannen sich westliche Reisende und Forscher für die verschiedenen Formen des Buddhismus in Asien zu interessieren und diese in einen historischen und religionswissenschaftlichen Zusammenhang zu stellen.

Das Weltparlament der Religionen auf der Weltausstellung Chicago bildete dann den Ausgangspunkt für Suzuki Daisetsu, der zum bedeutensten Interpreten des Zen-Buddhismus für den Westen im 20. Jahrhundert werden sollte. Zusammen mit europäischen Denkern wie Eugen Herrigel transportierte er ein sehr spezifisches Bild des Zen-Buddhismus nach Westen.

Die Analyse dieser Prozesse schwankt zwischen zwei Paradigmen. Entweder fragt man, wie Zen – und andere Phänomene des Orients – im Westen rezipiert wurden. Dann steht die Frage im Mittelpunkt, wo es zu Missverständnissen gegenüber dem Authentischen des Ostens kam. Oder man spricht gleich von einer Erfindung des Zen-Buddhismus und sucht Anschluss an die Konzepte der Erfindung der Traditionen von Eric Hobsbawm und den Orientalismus Edward Saids. Beide Paradigmen greifen zu kurz. Weder musste Zen extra neu erfunden werden, denn es gab Praktiken in Japan, die sich darunter fassen lassen, lange vor der Ankunft der Europäer in Asien. Noch kann man dem Osten Authenzität, dem Westen Verständnis oder Missverständnis zuschreiben, denn Zen-Buddhismus als symbolischer Komplex wanderte zwischen Ost und West und gewann erst so seine heutige Bedeutung.

Anhand der Gartenkultur möchte ich der Frage nachgehen, wie man mit Zen zwischen Ost und West theoretisch umgehen kann und so zu Konzeptionalisierunen nicht nur für Zen oder Gärten kommt, die über Rezeption und Erfindung hinaus gehen. Zengärten sind ein gut handhabbares Beispiel, weil sie zwar Religiöses beinhalten, aber auch darüber hinausweisen. Außerdem stehen sie in einer europäischen Tradition der Auseinandersetzung mit Asien, die von den chinesischen Gärten im 18. Jahrhundert über die räumlichen Abstraktionen der Weltausstellungen im 19. Jahrhundert bis zu den Minizengärten für jedermann im 21. Jahrhundert reicht. Die Zengärten sind ein wanderndes und damit liminales Objekt und ihre Analyse kann deshalb zeigen, wie solche Objekte Bedeutungen annehmen und erzeugen.

 

 

Fußball als Kultur – Eine Ethnographie der Weltmeisterschaft 2006

PD Dr. Christian Tagsold

Fußball ist in der sozialwissenschaftlichen Forschung oft unter zwei Gesichtspunkten analysiert worden. Zum einen wurde nach den ökonischen Dimensionen des globalen Spiels gefragt. Zum anderen war es die mediale Inszenierung, die Aufmerksamkeiten auf sich gezogen hat.

Nachdem ich die Weltmeisterschaft 2006 aus einer zentralen Rolle heraus teilnehmend beobachten konnte, als Team Liason Officer der japanischen Nationalmannschaft, möchte ich die kulturelle Ebene wieder ins Spiel bringen. Denn die ökonomische Sicht hat oft dazu geführt, Fußball nur als eine Art Verschwörung zu betrachten, durch die Wenige viel verdienen. Dagegen wurde aus medialer Sicht oft vergessen, dass Fußball auch bei einem globalen Großereignis einen realen Ort einnimmt und es dort z.B. Produktions- und Machtbedingungen für die Medien gibt, die aufgezeigt werden sollten.

Kultur möchte im Sinne von Clifford Geertz als symbolisches Geflecht verstehen und dicht beschreiben. Dabei wird deutlich, dass eine Fußballweltmeisterschaft im 21. Jahrhundert nicht mehr so einfach als Ritual zur Schaffung nationaler oder anderer Identitäten verstanden werden kann. Aber wie können die Fans und alle anderen Beteiligten dann das große Ereignis sinnhaft deuten? Welche Rolle spielt der überaus flüchtige Raum dabei? Nach 90 Minuten leert sich das Stadion, auf das gerade noch die ganze Welt geschaut hat und wird wieder zur Betonschüssel. Welche Beziehung gehen Fans und Stars ein? Diese und ähnliche Fragen treiben das Projekt an.

Mit der Veröffentlich des Buches "Spiel-Feld. Ethnographie der Fußball-WM 2006" (Konstanz: UVK) konnte das Projekt Anfang 2008 erfolgreich abgeschlossen werden.

 

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