Aktuelle Forschungsprojekte

Diese Seite gibt einen Überblick über die aktuellen Forschungsprojekte an unserem Institut. Wenn Sie auf die Titel klicken, erhalten Sie weitere Informationen.

undefinedThe Risks and Opportunities of the “Solo-Society”. (Re)Locating Intimacy – Spatial Perspectives on Personal Relationships in Contemporary Japan
N. Kottmann

undefined„Gärten als Verhandlungsräume: Die Kategorisierung von neuen Gärten in Japan zwischen 1880 und 1930 als Frage der nationalen Selbstbeschreibung“
C. Tagsold, N. Dahl

undefined„Bedeutung von Diversity im öffentlichen Diskurs zu politischen Maßnahmen für Familie und Arbeit in Japan“
A. Schad-Seifert, C. Noack, N. Kottmann, S. Osawa, A. Jambor

undefined„Altersdemenz und lokale Fürsorge – ein deutsch-japanischer Vergleich“
老人性認知症と地域支援 – 日独比較の観点から

S. Shimada, J. Spisa, L. Lewerich, K. Fujiwara, C. Spoden (HHU Düsseldorf)
K. Kuroki, K. Toyota, Y. Matsuo, H. Fukuzaku (Kumamoto Gakuen Universität)

 

 

 

The Risks and Opportunities of the “Solo-Society”
(Re)Locating Intimacy – Spatial Perspectives on Personal Relationships in Contemporary Japan

Nora Kottmann

As in all post-industrial societies, the structure of personal relationships in Japan has undergone fundamental changes: increasing numbers of young people are marrying later on in life or not at all; increasingly more people of all age groups are (permanently or temporarily) living alone. Studies in the Japanese context have begun to speak of an “era of permanent singles” (Nagata 2017) or the development of a “Hyper-Solo-Society” (Arakawa 2017). While the changes in marriage behaviors over the past decades have been extensively examined, the relationship worlds of people who are single, divorced, or live alone have received almost no discrete attention. Rather, these people are described in public discourse as being increasingly “tired of relationships” and abstaining from intimate relationships (Ushikubo 2015), while the development of a society without ties (muen shakai) has been discussed on the level of society as a whole. Although the few existing statistical studies seem to confirm this trend, initial qualitative studies have shown that individual relationship worlds are characterized by diversity, and as such they require more thorough investigation with respect to an increasingly uncertain future.

Against this backdrop, the present study will follow two goals: As a result of several contextual specifics—gender segregated workplaces, job-related multi-locality, high demands for mobility, young adults staying in their family home, spatial density—the question arises about which spaces at all are available for living (and experiencing) intimate practices as well as which spaces are possibly being “newly” created. Secondly, these considerations will enable more nuanced and systematic insights into the individual relationship worlds (also: relationshiplessness) of people who are single, divorced, or live alone, thus moving beyond the dichotomy between “(still) single (and alone)” and “married” which continues to dominate the existing research. In this way, the study will examine to what extent these “relationship spaces” in the sense of “new bases for existence” (Muta 2009) can and, perhaps, must take over the functions of the classical nuclear family against the backdrop of contemporary social upheavals and the subsequent sociopolitical challenges. In brief, complex correlations and possible reciprocal relationships between “intimacy” and “space” will be developed while addressing questions surrounding the issues of belonging, solidarity, and social transformation in contemporary Japan. 

In order to examine these themes, the present research proposal draws on methods from the sociology of space and subject oriented sociology. Alongside the concepts of practices of intimacy (Jamieson 2011) and doing family (Jurczyk et al. 2014) from the field of family sociology, spatial-sociological concepts (Löw 2000; Massey 2005; Weidenhaus 2015) will prove to be especially relevant. The study is principally qualitative (expert interviews, partly standardized individual interviews, participant observation). In the second stage, however, a mixed method approach will be applied through conducting a survey (descriptive statistics) as well as using and evaluating existing (international) datasets in order to ensure adequate contextualization and systematization of the data.

The research project will enable connections and opportunities for collaboration within the context of contemporary international thematic research on Japan and East Asia, Japanese and international (family) sociology, consumer research, migration studies, urban sociology, and the sociology of space. 


„Gärten als Verhandlungsräume: Die Kategorisierung von neuen Gärten in Japan zwischen 1880 und 1930 als Frage der nationalen Selbstbeschreibung“

Ein von der undefinedDFG gefördertes Forschungsprojekt (TA 1103/2-1)

Ch. Tagsold, N. Dahl

Der Kyû-Furukawa-Garten in Tokyo

Die Idee des japanischen Gartens ist ein Produkt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch Gärten auf Weltausstellungen und einen sowohl von Europäern und Nordamerikanern als auch Japanern selbst geführten Diskurs über Gärten in Japan entstand im Wechselspiel zwischen diesen westlichen Fremdzuschreibungen und nationaler Selbstrepräsentation die Vorstellung eines nationalen Stils. Als Folge wurde es in Nordamerika und Europa modisch, japanische Gärten anzulegen. Die Idee des japanischen Garten wurde in den 1930er Jahren um das Element "Zen-Buddhismus" als Erklärung der symbolischen Wirkung dieser Räume ergänzt. Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat diesen Prozess der kulturellen Übersetzung zwischen dem Westen und Japan klar herausarbeiten können.

Während also Diskurs und japanische Gärten im Ausland inzwischen gut analysiert worden sind, ist die Entwicklung des Gartendesigns in Japan selbst in diesem Zeitraum deutlich weniger erforscht. Die neu angelegten Gärten speziell zwischen 1890 und 1930 bilden aber das Gegenstück im Übersetzungsprozess - sie sind nicht unabhängig von den bereits erforschten Prozessen entstanden. Vor allem private Gärten reicher Industrieller, Politiker oder Künstler wurden nach neuen Vorstellungen errichtet. Bemerkenswert ist, dass diese Gärten von Gartenwissenschaftlern in Japan lange gar nicht als japanisch anerkannt wurden, sondern bestenfalls als ekklektisch galten. In den letzten Jahrzehnten sind jedoch viele dieser Gärten zu nationalen Denmälern erklärt worden und werden in diesem Zusammenhang inzwischen als klar japanisch kategorisiert.

Das Projekt untersucht an fünf ausgewählten Beispielgärten, wie es dazu kam. Dazu sind die vier Ebenen bedeutsam: 1. Errichtungskontext; 2. frühe Rezeption der Gärten in der (Fach-)Presse; 3. Diskussionen um die Erhaltung in den 1970er Jahren mit der Folge der Aufnahme in Denkmallisten und schließlich 4. die weitere Pflege, Verwendung und Japanisierung der Gärten. So lässt sich zeigen, wann die Kategorisierung als "japanische Gärten" aufkam und wie dieses Argument in die Diskussion eingeführt wurde sowie dort Geltung erlangte. Deutlich wird darüber hinaus die Verbindung zu anderen Diskursfeldern, die für die nationale Selbstbestimmung in Japan zentral sind. Die Fragen der Natur und der besonderen Liebe der Japaner zur Natur spielen hier eine wichtige Rolle. Über die Gärten lässt sich zeigen, dass diese den nihonjinron (Japanertheorien) entlehnte Verwendung von Natur in den Diskussionen um die Gärten erst langsam übernommen wurde und in Konkurrenz zu einem eher durch die westlichen Naturschutzdiskurse beeinflussten Argumentationsmuster steht. Über Archivarbeit und Experteninterviews wird das Projekt diese Entwicklungen nachzeichnen und damit einen Beitrag zur Frage der kulturellen (Rück-)Übersetzung und Bestandteilen der Japanertheorien in praktischen Feldern leisten.


„Bedeutung von Diversity im öffentlichen Diskurs zu politischen Maßnahmen für Familie und Arbeit in Japan“

A. Schad-Seifert, C. Noack, N. Kottmann, S. Osawa, A. Jambor

Der Diskurs um die Bedeutung und Notwendigkeit von Diversität beginnt sich in Japan erst seit kurzem in der Familien- und Arbeitspolitik durchzusetzen. Während in den USA bereits seit Jahren eine intensive Debatte um Diversity Management als Voraussetzung für mehr Produktivität geführt und als kompetitive Ressource von Unternehmen betrachtet wird, scheint sich in Japan aufgrund verschiedener struktureller Eigenheiten dieses Thema eher gering im öffentlichen Diskurs entwickelt zu haben. Dieses wird auf die im Vergleich zu multikulturellen Gesellschaften wie den USA eher ethnisch homogene Zusammensetzung der Bevölkerung und das Fortwirken von geschlechtlich traditionellen Rollenmustern zurückgeführt (Magoshi, Chang 2009: 31). Seit einigen Jahren jedoch wird infolge des demographischen Wandels und der wirtschaftlichen Rezession eine verstärkt nach dem Prinzip der Diversität ausgerichtete Umgestaltung der sozialen Strukturen angemahnt. Dazu zählen in Japan die Öffnung des Arbeitsmarktes für ausländische Arbeitskräfte und die Einführung familienfreundlicher Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Unternehmen. Obwohl Diversity sich im Bereich des Personalmanagements auf verschiedene Differenzkategorien wie Nationalität, Ethnizität, Alter, Geschlecht, geistige und körperlich Behinderung beziehen kann, fokussiert sich in Japan das Thema gegenwärtig verstärkt auf das Spannungsverhältnis zwischen Familie und Arbeit und wird sehr kontrovers diskutiert. So fürchtet die japanische Regierung zwar eine ökonomische Schwächung infolge der schrumpfenden und alternden Arbeitsbevölkerung, möchte aber ohne Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte auskommen. Ziel der amtierenden japanischen Regierung ist vielmehr eine an den Erfordernissen der Wirtschaft ausgelegte verstärkte Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt („Womenomics“) und die flexiblere Gestaltung der Beschäftigung im Sinne einer verbesserten Work-Life-Balance für alle japanischen Arbeitnehmer.
Dabei wird deutlich, dass zum einen mithilfe der Rekrutierung des weiblichen Teils der japanischen Bevölkerung eine Diversity der ethnischen Vielfalt auf dem Arbeitsmarkt vermieden werden soll, andererseits aber in den Unternehmen eine Diversity der Geschlechter empfohlen wird.
Die Politik befindet sich also in einem ambivalenten Prozess der ökonomischen Forderung nach Marktöffnung, Globalisierung und Deregulierung einerseits und konservativer Beharrung auf den Wertekodex der vermeintlich nationalen Einheit Japans andererseits.
Das Projekt untersucht die konkurrierenden Diversity-Diskurse als Wissenspolitiken, die im Bereich der politischen Maßnahmen in verschiedener Weise auf die konkrete Umsetzung im Bereich der Familien- und Arbeitsmarktpolitik einwirken.


„Altersdemenz und lokale Fürsorge – ein deutsch-japanischer Vergleich“

老人性認知症と地域支援 – 日独比較の観点から

Ein von DAAD und JSPS gefördertes Forschungsprojekt

Sh. Shimada, J. Spisa, L. Lewerich, K. Fujiwara und C. Spoden (HHU Düsseldorf)
K. Kuroki, K. Toyota, Y. Matsuo, H. Fukuzaki (Kumamoto Gakuen Universität)

Die internationale Forschungsgruppe

Der Umgang mit altersdementen Personen im lokalen Kontext stellt sowohl für Deutschland als auch für Japan ein hochaktuelles gesellschaftliches Problem dar. Durch die zunehmende Verschärfung der Problemlagen der Altersdemenz wird immer deutlicher, dass es weder allein in der Familie noch allein in Pflegeheimen zu lösen ist. Die lokalen Gemeinschaften sind nun herausgefordert, dieses Problem anzunehmen und von sich aus Lösungsmöglichkeiten zu generieren.
Ziel des interdisziplinär-internationalen Forschungsprojektes ist es, durch empirische Forschung in Pflegeeinrichtungen in Düsseldorf und Fukuoka soziokulturelle Hintergründe für unterschiedliche Umgangsweisen mit altersdementen Personen in Deutschland und Japan herauszuarbeiten und aus kulturvergleichender Perspektive neue Lösungsansätze für den Umgang mit altersdementen Personen im lokalen Kontext zu erschließen. Zudem soll die bisherige Forschung zur Altersdemenz durch kultur- und sozialwissenschaftlichen Ansätze ergänzt werden.


Responsible for the content: E-MailRedaktionsteam Institut Modernes Japan